Geschichte

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Tradidi quod potui
„.. so habe ich übertragen, soviel ich vermochte.“ Mit diesen Worten gewichtete im Jahr 777 Bayernherzog Tassilo III. seine Klostergründung bei dem Flusse Kremsa. So prägend war diese Stiftung, dass nicht nur der Ort, der sich bei diesem Kloster entwickelte bis heute seinen Namen von dieser Setzung ableitet, KREMSMÜNSTER = das Münster ob der Krems, sondern vielmehr ist diese Traditionsurkunde des Agilofingers bis heute in Geltung. Als eines der ältesten Klöster Österreichs erhebt sich heute die Benediktinerabtei über dem Tal der Krems, ruhend auf einer Schotterterrasse des Voralpenlandes, die Bergketten des Toten Gebirges und den Traunstein als Tor zum Salzkammergut gerade noch in Sichtweite, während sich das Flüsslein selber den Weg zur Traun und weiter zur Donau nordostwärts hinein in die Ebene des Linzer Beckens sucht. Was der Herzog übergeben hat, will an diesem Ort lebendige Tradition sein, die sich immer neu über die Jahrhunderte vermittelt hat.

Aquarell_Stift Kremsm._P. Alan Preinfalk (1837-1907)_1Wenn auch die heutige Gestalt des Stiftes von den großen Architekturschöpfungen des 17. und 18. Jahrhunderts dominiert wird, so reflektiert selbst diese Gestalt eine Geschichte von Wechseln und Fragen, die zuletzt einmünden in ein Suchen als Programm, dem Suchen nach dem Urgrund der Existenz, der Suche nach Gott, wie es der heilige Benedikt fordert für die Mönche, die nach seiner Regel zu leben versuchen. Schon das Brückentorportal, das Johann Peter Spatz 1667 in Vorbereitung des 900 jährigen Stiftsjubiläums schuf, reflektiert die Gründung des Klosters in politisch bewegter Zeit. Dem Klostergründer Tassilo werden kaiserliche Majestäten an die Seite gestellt, Karl der Große, einen guten Kopf kleiner als der Herzog selbst und demütig auf dem dritten Platz Heinrich der Zweite. Im Kampf um die Freiheit Bayerns war Tassilo ein Verlierer, mit seinem Herzogtum geriet 782 auch Kremsmünster unter die Reichsverwaltung der Pipiniden, Kaiser Karl machte aus Kremsmünster eine Reichsabtei, eine Würde, die die Zeit nicht überdauern sollte. Nach den Verwüstungen der Ungarnstürme im zehnten Jahrhundert wird Kremsmünster unter Heinrich dem Zweiten als landesherrliche Abtei wiedererrichtet, die Wappeninschrift des Portals nennt ihn darum auch den „Refundator“. Erst seine Reform stellt die vagen Vermutungen über die Gründungszeit auf den sicheren Boden des geschichtlichen Wissens. Seit seiner Zeit bestehen die Archive des Stiftes ohne historischen Bruch. Aus ebenfalls agilofingischer Gründung Niederalteich kamen Mönche mit ihren eigenen historischen Traditionen, die sich später mit denen Kremsmünsters verweben sollten. Als im13. Jahrhundert Bernardus Noricus seine Geschichte des Klosters niederschreibt, ist aus dem Niederalteicher Rodungsmönch Gunther längst ein Sohn Tassilos geworden, dessen Auffindung nach einem Jagdunfall den Grund liefert, an dieser Stelle ein Kloster zu gründen. Aus dieser Gründungslegende wird bald selbst schon Geschichte, der mordende Eber und der treue Jagdhund des Herzogs erscheinen von nun an auf den äbtlichen Siegeln und dann auf dem Wappen des Stiftes. In dieselbe Zeit fällt der Neubau der Stiftskirche und nur eine Generation später, zu Beginn des 14. Jahrhunderts wird dem getöteten Herzogssohn ebendort ein Hochgrab errichtet. Schon Mitte des 15. Jahrhunderts dürfte die Klosteranlage ihre heutige Ausdehnung erreicht haben. Es folgen Um- und Neubauten, die nach der Reformation und der Abwehr der Türkengefahr entstehen. Dieses repräsentative Bauen der Gegenreformation soll nach innen wie nach außen wirken. Die Kostbarkeiten der Gründungszeit werden in Stand gesetzt und vorgezeigt, um zu demonstrieren: so große Geschichte liegt hinter uns und wie große Geschichte nicht noch vor uns?

stift-winter-09Das Inszenieren der Geschichte ist hier ein Bauen von Identität. Davon kündet nicht zuletzt das Stiftswappen selbst, das mit seinem roten Ochsen auf die jährliche Feier des Stiftertages zurückweist. Mehr als hundert Ochsen wurden jährlich geschlachtet. Wenn des Sterbetags des Herzogs Tassilos gedacht wurde, verteilte das Kloster als Armenspeisung besagtes Ochsenfleisch an die Gäste, geladen oder ungeladen. Erst der frühaufgeklärte Geist der Erzherzogin Maria Theresia bereitete diesem Brauch der Ochsenspeisung ein Ende. Der Stiftertag aber blieb und wird auch weiterhin an jedem elften des Monats Dezember begangen. Nach der Totenvesper am Vorabend und dem Requiem am Morgen werden die Gäste ins Refektorium geladen, wo zu Beginn des gemeinsamen Tisches die Gründungsurkunde verlesen wird, in der neben den Absichten des Herzogs, den anwesenden Edlen und Prälaten die Reihe der Besitztümer aufgelistet ist, die dem Kloster vom Herzog übertragen wurden. Auch hier reicht die Geschichte bis in die Gegenwart, denn geographisch decken sich diese Listen fast vollständig mit dem Bezirk der 26 Pfarren, die gegenwärtig von den Mönchspriestern des Stiftes betreut werden. So ist diese Feier nicht zuletzt eine Feier der ganzen Stiftsfamilie, die neben den Brüdern auch die Mitglieder der betreuten Pfarren einschließt.

Auf Zukunft bauen war gegenreformatorisch eine Investition für eine neue Generation, Weitergabe des angenommen Erbes, aktive Tradition. Aus diesem Geist heraus wurde wohl schon vor 1549 eine öffentliche Lateinschule in Kremsmünster errichtet, die sich immer wieder den Erfordernissen der Zeit mit den entsprechenden Mitteln zuwandte und dies auch heute versucht. Theater und Musik konnten in der Barockzeit nach den Entbehrungen der Reformation Vorstellungen von Fülle und Lebensfreude vermitteln, Enzyklopädische Sammlungen den Geist der Aufklärung anschaulich werden lassen, Zeichenunterricht und Naturstudien wissenschaftliche Genauigkeit im 19. Jahrhundert einüben. Von diesem Geist der Innovation kündet steingeworden der Mathematische Turm, eine der ältesten und eindrücklichsten Museumsarchitekturen Europas. Neben den historisch und naturkundlich interessierten Besuchern aber bietet dieser Turm der Wissenschaften bis heute noch den über 300 Schülern des Stiftgymnasiums reiches Anschauungsmaterial für ihre Ausbildung in Kremsmünster.

Gingko-BaumAll diese Aktivitäten wurden ab dem beginnenden 17. Jahrhundert durch eine Reihe von Äbten ermöglicht, die nicht nur von religiösem Eifer, sondern wohl ebenso großem politischen Geschick beflügelt wurden, das dem Kloster durch den Erwerb von Grundherrschaften im Alm- und Kremstal die finanzielle Basis verlieh. Als Vorsitzende des Linzer Landtages und der Ständeverordneten halfen sie über die Stiftsgrenzen hinaus ein funktionierendes Gemeinwesen im Land ob der Enns zu organisierten. Der repräsentative Charakter der sieben barocken Stiftshöfe hat nicht zuletzt hier eine seiner wichtigsten Wurzeln. Zugleich aber rutschte der Konvent des Stiftes nie in mondäne Höhenflüge ab. Der Konvent blieb bodenständig mit der bäuerlichen Herkunft der meisten Brüder verbunden. Davon legt schon der äußere Stiftshof Zeugnis ab, der von den ursprünglich landwirtschaftlich genutzten Höfen Jacob Prandtauers flankiert wird, die dieser als Stiftsbaumeister ab 1710 plante und zur Ausführung brachte. Rücken solche Gebäude ansonsten bei barocken Klosteranlagen verschämt an die Seite, so flankieren sie hier wie die selbstbewussten Vierkanter der Bauern des Traunvietels den zentralen Eingang zum Stift. Landwirtschaft bezeichnet so nicht nur Erwerbsquelle sondern vor allem Selbstbewusstsein der Herkunft. Nicht minder selbstbewusst gibt sich hingegen die äbtliche Residenz, die die gesamte Südfront des Prälatenhofs vor der Stiftskirche einnimmt. So einheitlich dieser Hof auch durch den Neubau des Gastflügels auf der Westseite dieses Hofes und die umlaufende Fassadengestaltung wirken mag, er ist das Ergebnis einer Bauzeit von fast 150 Jahren. Der gotischen Stiftskirche und der nördlich anschließenden Lateinschule aus den 60er-Jahren des 17. Jahrhunderts setzte der aus Mailand stammende Stiftsbaumeister Carlo Antonio Carlone ebenso eine neue Fassade vor wie der Abtei, deren Grundsubstanz noch auf die erste Jahrhunderthälfte datiert. Aber erst die Gestaltung der Innenseite des Brückenportals auf der Nordseite des Hofes in den 40er-Jahren des 18. Jahrhunderts schließt diesen Bauprozess wirklich ab. Carlone gilt wohl nicht zu Unrecht als der eigentliche Schöpfer der barocken Klosteranlage, weil unter seiner Bauaufsicht und seiner Künstlerauswahl zwischen 1678 und 1708 die wichtigsten Repräsentations- und Nutzräume unter Verwendung teils älterer Substanz erbaut wurde.

Unsichtbar für den Besucher und vom Markt aus nur aus der Distanz wahrzunehmen, errichtet Carlone auch die eigentliche Zelle des Klosters, die Klausur. Entgegen der mittelalterlichen Tradition eines Quadrums mit umlaufendem Kreuzgang, an den sich die Nutzräume bis zur Ankunft Carlones anschlossen, konzipiert er einen dreigeschoßigen Konventbau, von dessen Galeriegang die einzelnen Gemeinschaftsräume zu erreichen sind. Das mittelalterliche Dormitorium wird durch Einzelzellen ersetzt, das Refektorium, der Ort der gemeinsamen Tafel, der Kapitelsaal für die Beratung der Konventsmitglieder und der Zugang zur Bibliothek sind von hieraus zu erreichen ebenso wie die Sakristei als neuer Zugang zum Chor der Stiftskirche. Den überflüssig gewordenen Kreuzgang südlich der Stiftkirche lässt er abtragen, hier sind im Mauerwerk noch heute die Ansätze der gotischen Arkaden ablesbar. Seit dem 20. Jahrhundert dient dieser „Kreuzhof“ als Begräbnisstätte der Brüder. Die alte Gruft unter der Marienkapelle war bereits unter staatlichem Druck in den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts geschlossen, die Verstorbenen auf einen josefinischen Friedhof außerhalb des Klosters verbannt worden. Der Geist der Aufklärung konnte den klösterlichen Vorstellungen und Lebensprinzipien wenig abgewinnen. Einschränkungen auch wirtschaftlicher Art waren die Folge. Trotzdem führte dies in Kremsmünster aber nicht zu einer Frontstellung gegen die Aufklärung sondern zu einem Balanceakt der kritischen Auseinandersetzung. Der wissenschaftliche Eifer der Brüder, besonders in der zunehmend naturwissenschaftlich geprägten Sternwarte des 19. Jahrhundert,s ließ auch die ultramontane Romantik kirchlicher Kreise problematisch erscheinen. Innerkirchliche Anfeindungen wegen naturwissenschaftlicher Studien überstand das Stift ebenso wie die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, der es zwar gelang, das Stift 1941 formal aufzuheben, nicht aber das klösterliche Leben zum Erliegen zu bringen. Der aus dem bayrischen Exil heimgekehrte Abt Ignaz Schachermair wurde vom Landeshauptmann mit den Worten begrüßt: „Sie sind fortgejagt worden wie ein Bettler und kehren heute heim wie ein König.“ Das Ausharren in Geduld und Ertragen von Widrigkeiten bleibt so bis hinein in die Gegenwart Rüstzeug für den Auftrag der Mönche von Kremsmünster, getragen von dem Glauben, dass der Widmungsspruch über dem Portal der Stiftskirche anbrechende Wirklichkeit sei: „Wahrhaftig, Gott ist an diesem Ort.“
P. Klaudius Wintz, Kustos der Kunstsammlungen

Ein paar Blitzlichter zur jüngeren Geschichte unseres Hauses

Nach der Rückkehr des Abtes und der Mitbrüder nach Ende des Zweiten Weltkrieges erstarkt unser Kloster neu. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts treten jährlich mehrere Novizen – vornehmlich Absolventen unseres Gymnasiums – ein. Die Pfarrseelsorge floriert unter dem Einfluss des II. Vaticanums und etliche Mitbrüder tun ihren Dienst in Gymnasium und Konvikt. Abt Ignatius Schachermair, der seit 1929 regierte, erbat 1964 mit 87 Jahren die Resignation, wurde aber vom Apostolischen Stuhl in der Würde eines Abbas regimis belassen und erhielt einen Koadjutor. Am Benediktionstag des Abtes Albert Bruckmayr, 28. Oktober 1964, erklärte er jedoch, dass er mit dem gleichen Tag diesem alle Regierungsfunktionen überlasse. Abt Ignatius verstarb am 14. Juni 1970.

Abt Albert II. Bruckmayr (1913-1982) machte sich vor allem durch die umfangreichen Renovierungen und Feierlichkeiten zum 1200-Jahr-Jubiläum unseres Klosters verdient. In seine Zeit fällt auch die Seelsorgstätigkeit im österreichischen Nationalheiligtum Mariazell, wo Mitbrüder von 8. Sep. 1966 an ca. 30 Jahre mitgearbeitet haben. Abt Albert war von seiner Spiritualität her jesuitisch-streng geprägt, was er in seinem Leitungsstil mit einer sehr traditionellen Frömmigkeit verband. Neben seinem offiziellen Wahlspruch „Christus hodie“ pflegte er die Mönche oft mit dem Wort „constantes estote“ zu ermahnen (zu übersetzen in einem doppelten Sinn „seid standhaft“ und „haltet zusammen“). Er starb überraschend am 26. Juni 1982 und wurde auf dem, von ihm neu errichteten, Klosterfriedhof im Kreuzhof begraben.

Zu seinem Nachfolger wurde Oddo Bergmair gewählt. Zuvor war er ab 1968 Forstmeister und gehörte bereits dem Wirtschaftsrat der Benediktinerkongregation an. Gemäß seinem Wahlspruch „Servus“ verstand er sich gerade auch in seinem Abtamt als Diener, förderte die Selbständigkeit der Mönche und versuchte dem Einzelnen gerecht zu werden. Da er bis zur Vollendung des 70. Lebensjahres gewählt war, wurde er 2001 auf weitere sechs Jahre wieder gewählt. Er war ein treuer Verwalter des ihm anvertrauten Gutes.

Am 2. März 2007 wurde Ambros Ebhart zum Abt gewählt und übernahm am selben Tag die Amtsgeschäfte. Abt Ambros möchte unser Kloster als geistliches Zentrum stärken und so wurden die Veranstaltungsreihen „Mehrwert+Glaube“ und „Treffpunkt.Benedikt“ ins Leben gerufen, zu denen monatlich interessierte Menschen kommen, um Vertiefung für ihren persönlichen Glauben zu erhalten. Weiters wurde in der Amtszeit von Abt Ambros die Klausur modernisiert und das Gymnasium um einen neuen Turnsaal erweitert und umfassend saniert. Der veränderten gesellschaftlichen und kirchlichen Situation unserer Zeit zu begegnen ist eine bleibende Herausforderung für unsere Gemeinschaft.

Ebenso herausfordernd ist der Blick auf die Schattenseiten der Vergangenheit. So wurde unser Kloster im März 2010 mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs ehemaliger Schüler unseres Konvikts durch Mönche konfrontiert. In der Folge arbeitete unser Kloster mit den zuständigen staatlichen und kirchlichen Stellen zusammen und es wurden Entschädigungszahlungen geleistet. Ebenso begann ein Prozess der Aufarbeitung auf verschiedenen Ebenen, so wurde im März 2015 eine vom Stift in Auftrag gegebene Studie des IPP München mit dem Titel „Schweigen-Aufdeckung-Aufarbeitung“ vorgelegt. Ein ehemaliger Mitbruder, der 2012 unsere Gemeinschaft verließ, wurde im Juli 2013 zu einer Haftstrafe verurteilt. Gerade dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte, dem wir uns stellen, ermutigt und mahnt uns zugleich, immer neu einen ehrlichen Weg der Gottsuche zu gehen. So wollen wir im Bewusstsein unserer eigenen Fehler und Schwächen, aber im Vertrauen auf Gottes Führung und Begleitung, im 21. Jahrhundert leben und den Menschen von dem mitteilen, was uns erfüllt und anspornt. Dass die Menschen erkennen, dass Gott mit ihnen geht und „dass in allem Gott verherrlicht werde.“ (RB 57,9)

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