Lass es nur zu!

Gedanken zum Sonntag, 10. November 2019.


Es gibt Phasen in unserem Leben, in denen wir innehalten und den bisherigen wie auch den zukünftigen Weg klarer sehen als sonst. Ich bin jetzt bald 50 Jahre alt, seit fast 20 Jahren im Kloster – und darf rückblickend erkennen, wie sehr ich in all den Jahren von Gottes liebender Hand geführt wurde. Werden uns im Leben die entscheidenden Wendungen und Ereignisse nicht geschenkt?

Ich sehe jedoch bei mir und anderen die Gefahr, sich gegen Veränderungen zu wehren. Es ist eine trügerische Sicherheit, wenn alles in gewohnten Bahnen abläuft. Dann haben wir es uns eingerichtet. Wie die Sadduzäer im heutigen Evangelium. Sie erwarten keine Auferstehung nach dem Tod, weil sie Gott nichts Neues mehr zutrauen. Jesus hält ihnen dagegen: „Gott ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden!“

Das wahre Leben bringt Unsicherheiten mit sich. Es fordert von uns, aus der Komfortzone herauszutreten und mit Überraschungen kreativ umzugehen. Das führt zu einer gelassenen Zufriedenheit, weil nicht wir selbst das Leben in der Hand haben müssen, sondern es in Gott gut aufgehoben wissen. Bei Exerzitien hat mir kürzlich ein australischer Mönch immer wieder auf meine Frage, wie es denn in meinem Leben weitergehen soll, gesagt: „Let it happen! – Lass es nur zu!“

In einem seiner Bücher schrieb Father Michael Casey: „Um mit beiden Händen nach einem Leben zu greifen, das über diese Welt hinaus reicht, müssen wir lernen herzugeben, was wir jetzt zu haben meinen. Das führt uns zu einer Offenheit und Freiheit, in der die ewige Heimat immer mehr wirklich werden kann.“ (zitiert nach Michael Casey OCSO, Grace: On the Journey to God, 2018, 17f.)

P. Bernhard, verfasst für die Morgengedanken von Radio OÖ (ORF 2019)