Die Macht der Gedanken

Ein Impuls für die Fastenzeit.

Die frühchristlichen Mönche waren in der Wüste auf sich allein gestellt und versuchten beständig, mit Gott in Einklang zu kommen. In ihrer Einsamkeit haben sie eine wichtige Erfahrung gemacht: Unsere Probleme sind zumeist nicht die großen Fragen der Weltpolitik oder der Philosophie. Was uns zu schaffen macht sind vielmehr unsere Gedanken, Vorstellungen und die Fantasien, die auf uns eindringen. Wir sagen da zum Beispiel: „Mir hat sich dieser Gedanke aufgedrängt“ oder „Dieses Gefühl lässt mich nicht mehr los“.

Schlechten Gedanken widerstehen

Erstaunlich vielen Menschen machen immer wiederkehrende Gedanken zu schaffen, die oft voll Hass und Eifersucht sind; manche wünschen sich sogar, dass einem Mitmenschen Unglück befällt oder ihm etwas zustößt. Sie leiden darunter und klagen sich an. Die Mönche in der Wüste setzten sich ihren Vorstellungen und Einbildungen bewusst aus. In den „Gedanken“ erkannten sie unwillkürliche Vorgänge, die der freien Verfügung entzogen sind. „Wir alle werden von ihnen gequält und sie wohnen uns allen inne“, sagt Johannes Cassian, ein Mönchsvater aus dem 5. Jahrhundert (Unterredungen 1,5). Die Mönche sind weit davon entfernt, einfach nur zu sagen: „Schrecklich – wie kann man nur so etwas denken!“ oder „Reiß dich doch zusammen!“ Vielmehr ermutigen sie den Menschen zu einem guten Umgang mit den inneren Stimmen.
Ein Bruder kam ganz niedergeschlagen zu Altvater Poimen und sagte: „Vater, ich habe vielerlei Gedanken und komme durch sie in Gefahr.“ Der Einsiedler führte ihn ins Freie und sprach: „Breite dein Obergewand aus und halte den Wind auf!“ Er antwortete: „Das kann ich nicht!“ Da sagte Poimen zu ihm: „Wenn du das nicht kannst, dann kannst du auch deine Gedanken nicht hindern, zu dir zu kommen. Aber es ist deine Aufgabe, ihnen zu widerstehen!“ (AP 602)
Die 1600 Jahre alte Erzählung von Altvater Poimen macht klar: Was auch immer über dich kommt oder dich befällt, du brauchst keine Schuldgefühle zu haben. Aber eines kannst und sollst du tun: dich den schlechten Gedanken entgegen stellen. Das Bild ist einprägsam: Poimen führt den entmutigten Bruder hinaus und fordert ihn auf: „Halt mit deinem Mantel den Wind auf!“ Ich sehe den alten Mann vor mir, wie er den jungen Mann verständnisvoll anblickt und sagt: „Wenn du das nicht kannst, dann kannst du auch deine Gedanken nicht hindern, zu dir zu kommen. Aber es ist deine Aufgabe, ihnen zu widerstehen!“

Aus dem Buch „Kleine Schule des Loslassens. Mit den Weisheiten der Wüstenväter durch den Tag“, Seite 53.

Von der Buchpräsentation im Februar berichtet DIESER BEITRAG.

Das Büchlein eignet sich gut als Begleiter für die Fastenzeit; es ist im Klosterladen erhältlich oder online beim TYROLIA Verlag.

Bernhard A. Eckerstorfer
Kleine Schule des Loslassens
Mit den Weisheiten der Wüstenväter durch den Tag
136 Seiten, 11 x 18 cm, zweifärbig, gebunden
Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2019
ISBN 978-3-7022-3737-0, € 14,95