Opfer – ein veralteter Begriff?

Gedanken zum Fronleichnamsfest 2018

„Wenn Katholiken auf eine Demo gehen, sind sie dann Protestanten?“ Lautet eine bekannte, scherzhafte Frage. Die Antwort bleibt offen. Jedenfalls feiern wir heute jenes Fest, wo wir demonstrieren, was uns wichtig ist. In der Monstranz zeigen wir uns und allen Menschen, wer in unserer Mitte ist. Er lässt sich zur Schau stellen, er setzt sich aus.
Das sind Verhaltensweisen, die uns heute in keinster Weise erstrebenswert erscheinen. Jesus opfert sich. Das wollen wir heutzutage nicht. „Du Opfer“ ist ein Schimpfwort in der Jugendsprache und wenn man das zu jemandem sagt, dann tut man das zumeist auch noch in der Haltung, dass der- oder diejenige selbst Schuld ist. Opfer sein ist ein Zeichen von Schwäche, Opfer sind unterlegen, können sich nicht behaupten, werden ausgenützt oder gar missbraucht, gelten als lebensuntüchtig, haben es einfach nicht drauf. Damit man nicht zu einem solchen Opfer wird, opfern manche Menschen, vor allem Jugendliche einiges. Sie machen mit beim Konsum- und Schlankheitswahn. Sie passen sich an und schauen, dass sie nicht auffallen. Letztlich leben sie dann nicht ihr Leben, sondern werden von anderen gelebt. Mitunter muss man auch den Glauben opfern, damit man nicht zum Opfer wird. Denn wenn man in manchen Kontexten zugibt, dass einem Jesus was bedeutet, dann protestiert vielleicht das Umfeld.
Also „Opfer“ ist etwas negatives. Das ist auch in der Theologie schon angekommen. Hat man früher oft und viel vom Kreuzesopfer gesprochen und die Messe als Opferfeier verstanden, so kommt das heute als altmodisch rüber. Wir wollen ja mit „Opfer“ nichts zu tun haben. Und ich persönlich tu mir auch schwer, diesen Begriff in Gebeten zu verwenden, weil ich da das Gefühl habe, dass Jesus damit als willenlos hingestellt wird oder als ob Gott grundsätzlich das Leid verlangen würde.
Damit wir den Begriff „Opfer“ wieder rehabilitieren können, müssen wir schauen, wo dieses Wort positiv besetzt ist. Und viele bringen Opfer. Die Mutter setzt ihre Lebensenergie für ihre Familie ein. Der Ehemann verzichtet auf vieles zugunsten der Kinder. Für die Liebe verlassen Menschen ihren Heimatort und ziehen zum Partner. Frauen und Männer engagieren sich im Sozialbereich ehrenamtlich, aus Liebe zum Menschen.
Es geht um die Frage, wer opfert was, wem und warum? Ein Verkehrsopfer aufgrund alkoholisierten Fahrens werden wir nur bedauern, aber sicher nicht bewundern. Aber Menschen, die sich für andere einsetzen, sind ganz anders zu bewerten.
Das Opfer Christi können wir auch nur so verstehen. Es hat einen Grund, warum Er sein Leben aufs Spiel setzt und für uns hingibt, was wir ja am heutigen Fest so ganz augenscheinlich feiern. Die Vorstellung dass man den Zorn Gottes durch ein Opfer besänftigen muss ist eher in frühbiblischer Zeit anzusiedeln. Das Opfer Christi hat die selbe Zielrichtung, wie die Tatsache, dass Menschen für ihre Familie Opfer bringen. Aus Liebe. Jesu Tod ist die größte Liebestat, um den Seinen – also uns – Leben in Fülle zu ermöglichen. Es ist eine mutige und starke Haltung, die da an den Tag gelegt wird und kein willenloses sich abschlachten lassen. Im Hebräerbrief heißt es im 9. Kapitel, dass schon das Blut von Böcken die Menschen geheiligt hat, wieviel mehr dann das Blut des neuen Bundes. Das Opfer Jesu Christi macht Sinn, weil es Leben ermöglicht. So wie die Hingabe der Menschen füreinander Leben gewährleistet.
Entscheidend ist, dass ich nicht zum Opfer gemacht werde, mich aber selbst frei dafür entscheide, Manches zu opfern, mich einzusetzen und so beizutragen an einer Welt, wo das immer mehr sichtbar und spürbar wird, was Jesus in seiner Liebes- und Erlösungstat für uns erwirkt und verheißen hat. Wir als Christen sollen nicht gegen irgendetwas protestieren, sondern uns einsetzen und durch unser Leben demonstrieren, dass erfülltes, geglücktes Leben für alle möglich ist. Das heißt nicht, dass es nicht manchmal schwer ist oder auch weh tut. Aber es macht Sinn. Also lasst uns heute und immer demonstrieren, also vorzeigen und vorleben, wer in unserer Mitte ist. Wer uns in seiner opferbereiten Liebe Kraft und Sinn schenkt. Er, der sich so klein macht, dass wir ihn in uns aufnehmen können. Mit ihm wollen wir unsere Wege gehen.
P. Franz Ackerl

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