Weltweite Verbundenheit unter den Klöstern

125 Jahre benediktinische Konföderation in Sant‘ Anselmo. Papst Franziskus würdigt Engagement der Benediktiner. Ein Bericht von den Feierlichkeiten in Rom.

Rom 2018-4-3hAuch wenn Benedikt von Nursia selbst keinen Orden gegründet hat und die Bezeichnung der Benediktiner als „ältester Orden“ irreführend ist, sehen sich die benediktinischen Konvente selbst heute als Teil eines erdumspannenden Netzwerkes mit klaren Strukturen. Vor 125 Jahren, im Jahre 1893, hat Papst Leo XIII. die Konföderation der männlichen Benediktinerklöster ins Leben gerufen, die derzeit in 19 Kongregationen gegliedert ist. In Folge wurde als benediktinisches Zentrum die Primatialabtei Sant’Anselmo auf dem römischen Aventin gebaut, die heute Sitz des Abtprimas und seines Mitarbeiterstabes ist (Kurie), ein internationales Kolleg mit benediktinischer Lebensordnung beherbergt und eine Hochschule führt.
Der Abtprimas wird von den Vorstehern der derzeit etwa 400 Benediktinerklöster gewählt und ist somit das symbolische Oberhaupt der ca. 6.500 Benediktiner weltweit. Auf den deutschen Missionsbenediktiner Notker Wolf (St. Ottilien) folgte im September 2016 der Amerikaner Gregory Polan (Conception Abbey, Missouri). Im Collegio Sant’Anselmo leben 70 Benediktiner (Mitarbeiter der Kurie, Professoren, Studenten) und 20 weitere Personen, die zumeist Diözesanpriester sind oder anderen Orden angehören. Diese bunte Gemeinschaft aus beinahe 40 Nationen und das gemeinsame klösterliche Leben von Professoren und Studenten machen Sant’Anselmo für den Benediktinerorden einzigartig.
Die Ordenshochschule der Benediktiner führt den Titel eines päpstlichen Athenäums und beherbergt das einzige päpstliche Liturgische Institut, das den Grad des Lizenziats und Doktorats in Liturgiewissenschaft verleihen kann. Von den etwa 550 regulären Studenten von Sant’Anselmo entfallen deshalb auch über 370 auf das Pontificio Istituto Liturgico (PIL). Ebenfalls weltweit einzigartig ist das Monastische Institut, das allerdings in den letzten Jahren einen starken Einbruch in den Studentenzahlen hatte; offensichtlich sind weniger Gemeinschaften bereit, Mitbrüder oder Mitschwestern für das zweijährige Lizenziatsstudium, geschweige denn für das Doktorat freizustellen. Oder drücken sich in der drastischen Abnahme lediglich die geringen Neuzugänge in den Klöstern der westlichen Welt aus?
So wie das Monastische Institut ist auch die Spezialisation Sakramenttheologie (teologia dogmatica sacramentaria) der Theologischen Fakultät angeschlossen; sie bildet den lebendigsten Teil dieser Fakultät und soll aufgrund der sachlichen Nähe zur Liturgie immer mehr mit dem PIL zusammenarbeiten. Die Philosophische Fakultät zieht zwar nur wenige Studenten in ihrer Spezialisierung an, stellt aber sicher, dass in Sant’Anselmo das gesamte theologische Grundstudium in einem Drei-Jahres-Zyklus angeboten werden kann. Jüngste Entwicklungen sind abzulesen an Personen, die nicht reguläre Studierende sind, aber Sommerkurse besuchen (60 an der Zahl) oder an Online-Kursen teilnehmen (25), deren Betreuung vom Zeitaufwand der Lehrenden her allerdings nicht unterschätzt werden sollte.

Alleinstellungsmerkmal einer benediktinischen Hochschule

Abtprimas Gregory Polan wollte die Gründung des Benediktinerordens mit seinem Zentrum in Rom offensichtlich nicht bloß mit einem unverbindlichen Festakt feiern, sondern auch inhaltliche Weichenstellungen vornehmen. Durch eine Erweiterung seines Mitarbeiterstabes und einige Neuernennungen für die Bibliothek und die Hochschule setzte er bereits Zeichen, Sant’Anselmo für die Zukunft fit zu machen. In seinem ersten Amtsjahr hat er Stefano Visintin aus der Abbazia Praglia in Oberitalien als neuen Rektor bestellt und mit ihm ein Advisory Board ernannt. Dieser sechsköpfige Wissenschaftsrat besteht aus Vertretern der Konföderation und externen Experten und soll den Abtprimas und den Rektor für die Weiterentwicklung oder gar Neuaufstellung der Hochschule beraten; diese scheint dem langjährigen Professor für Altes Testament im Seminary College seiner Heimatabtei ein besonderes Anliegen zu sein.

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Abt Jeremy Driscoll (Mount Angel, Oregon)

Ein Fakultätstag in der Mitte des dreitägigen Festes illustrierte diese Schwerpunktsetzung. Abtprimas Gregory hatte Abbot Jeremy Driscoll (Mount Angel, Oregon) eingeladen, zu den Professoren über die Chancen und Herausforderungen einer benediktinischen Hochschule zu referieren. In seiner Einleitung spitzte der Rektor die Frage auf diese Weise zu: „Warum gibt es in Rom so viele Studiengänge und etliche Universitäten, die parallel eine theologische Grundausbildung anbieten? Jede päpstliche Hochschule bringt aufgrund ihrer Trägerschaft eine spezifische Perspektive ein. Was ist aber die benediktinische Eigenart Theologie zu treiben?“
Abt Jeremy ging von seinen eigenen Erfahrungen in Sant’Anselmo aus, zuerst als Student in den 1980er Jahren, dann als Lehrender, der für 22 Jahre bis zu seiner Wahl zum Abt 2016 ein Semester am Seminary College in Mount Angel und ein Semester in Sant’Anselmo unterrichtet hatte. Das Referat war eine Einladung, sich die großen Gestalten der letzten Jahrzehnte durch Erzählungen über Begegnungen mit ihnen vor Augen zu halten – mit der Sinnspitze: „Können wir das große Erbe von Sant’Anselmo im heutigen Kontext wieder beleben und wollen wir das überhaupt?“ Dieses liege in der engen Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, wobei die großen Professoren in Sant’Anselmo interessiert an ihren Studenten gewesen wären, bereit von ihnen zu lernen. Theologie als Lebensform bedeute, Gebet und Reflexion nicht auseinanderfallen zu lassen, Kunst und Musik als Orte der Theologie zu entdecken und die eigene Berufung des Mönchs als Teil des Studiums zu sehen. „Theologie macht uns zu Teilnehmern.“ Denn: „Im Lernen geht es um das Leben, es bedeutet viel mehr und ganz anderes als einen Menschen so mit Wissen abzufüllen wie einen Container mit Altpapier.“

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Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation Johannes Perkmann

Benediktinisch zu lernen bedeute, „diese faszinierende Stadt und ihr Licht als Teil des Lebensprozesses zu verstehen“ und sogar die italienische Küche mit der Theologie in Verbindung zu bringen: „Wie wir essen und ob wir uns die Speisen schmecken lassen, hat eine Auswirkung auf unsere Theologie.“ Auf diese Weise wurden – passend zum Jubiläum –berühmte Gelehrte aus dem Benediktinerorden in ihrer lebensweltlichen Genialität zum Leuchten gebracht (ohne ihre Schrulligkeit und Begrenztheit unter den Tisch fallen zu lassen), von Anselm Stolz über Jean Leclercq bis Ghislain Lafont und Basil Studer. Darin liege ein benediktinischer Beitrag für die Evangelisierung in der Welt von heute: „Wir können nicht Theologie studieren ohne eine ihr entsprechende Lebensform weiterzugeben.“
An den Vortrag von Abt Jeremy Driscoll schloss sich eine lebendige Diskussion zwischen den Professoren des Athenäums und den Gästen aus der Benediktinischen Konföderation. Es müsse ein Nukleus von Mönchen vor Ort sein, die die angesprochene Atmosphäre von „Wissenschaft und Gottverlangen“ (Leclercq) verkörpern würden. Mehrere Professoren, die nicht Benediktiner sind, betonten, dass sie im benediktinischen Geist selbst geformt wurden und diesen als Laien oder Diözesanpriester weitergeben wollen. Der neue Prior von Sant’Anselmo, P. Mauritius Wilde (Münsterschwarzach), hob seitens des Kollegs hervor, diese Art Theologie zu betreiben würde die internationale Hausgemeinschaft prägen, die ihrerseits Impulse geben könne, um benediktinisches Leben und akademische Auseinandersetzung miteinander zu verschränken. Der Präsident des PIL, P. Jordi-Agustí Piqué i Collado (Montserrat), erinnerte daran, dass es in Sant’Anselmo noch nie so viele Studenten gab wie derzeit; letztlich dürfe aber nicht die Quantität zählen, sondern die Qualität einer gediegenen Ausbildung den müsse Ausschlag geben. Professoren und beiwohnende Äbte aus verschiedenen Ländern waren sich einig, dass es dazu neue gemeinsame Anstrengungen brauche.

Rom 2018-4-2cPapst Franziskus: „Setzt euer Werk fort!“

Der Höhepunkt der Jubiläumsfeiern war die Privataudienz bei Papst Franziskus im Vatikan. Neben Vertretern der Hausgemeinschaft und Hochschule von Sant’Anselmo mit einigen Angestellten waren auch Benediktinerinnen der CIB (Communio Internationalis Benedictinarum), Äbte der Benediktinischen Konföderation sowie Oblaten und Schüler aus benediktinischen Schulen anwesend. Der Papst betonte in seiner Ansprache die Weisheit der Unterscheidung. Die Benediktiner von heute müssten zwischen dem Heiligen Geist und dem „weltlichen Geist des Teufels“ unterscheiden. Weiters sagte Franziskus, es bestünde kein Gegensatz zwischen kontemplativer Lebenswese und dem Einsatz für andere. „Anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums der Benediktinischen Konföderation ermutige ich euch, dieses wichtige Werk für Kirche und Welt fortzusetzen und wünsche euch alles Gute für eure Suche nach Gott und seiner Weisheit. Und ich bitte euch weiterhin für mich zu beten!“

Bericht und Fotos: P. Bernhard Eckerstorfer