Unscheinbare Gegenwart

Gedanken zum Ostermontag.

In unserem Stiftsgymnasium in Kremsmünster unterrichte ich derzeit die beiden Maturaklassen. Eine 18-Jährige hielt vor Ostern ein Referat über die Auferstehungsevangelien in Wort und Bild. Sie zeigte Jesus mit Maria Magdalena, die ihn ja für einen Gärtner hielt. Der ungläubige Thomas, von Caravaggio gemalt, bohrt seinen Finger in die Seite Jesu, um sich zu vergewissern, dass er nach der Kreuzigung tatsächlich lebt. Die Jünger auf dem See erblicken Jesus am Ufer, Petrus schwimmt auf den Auferstandenen zu.

Mehr als die realistischen Darstellungen gefiel meinen Schülern jedoch ein Gemälde von Janet Gerloff aus dem Jahre 1992. Nach der Kreuzigung gehen zwei Jünger Jesu niedergeschlagen von Jerusalem in ihr Dorf Emmaus. Sie heben sich mit ihrer dunklen Kleidung klar vom Hintergrund ab; sie gestikulieren heftig und sprechen über die vergangenen Ereignisse und ihre aussichtslose Lage. Neben ihnen ist eine Gestalt nur in Umrissen zu erkennen. Unwillkürlich schaut man auf diese rätselhafte Figur, die in ihrer Unscheinbarkeit das Bild bestimmt.

Dieses moderne Gemälde, welches das Emmaus-Evangelium des Ostermontags schildert, konnte meinen Schülern mehr sagen als die oft allzu realistischen Jesusbilder früherer Zeiten: Der Auferstandene ist weitgehend unsichtbar, aber seine Gegenwart ist Wirklichkeit. Erlebbar im Brotbrechen. „Dann sahen sie ihn nicht mehr.“ Aber sie wissen: Er geht weiter mit ihnen …

P. Bernhard Eckerstorfer, ORF 2018