Zukunft der Klöster?

Bericht und Statements zum Nachhören der Februar-Veranstaltung von „Mehrwert Glaube“ mit Abt Petrus Pilsinger OSB (Stift Seitenstetten) und Dr. Isabelle Jonveaux (Universität Graz). Von Frater Anselm Demattio.

MG 2018-2-1

Mit der Frage nach der Zukunft der Klöster hat Mehrwert Glaube das neue Jahr 2018 begonnen. Zahlreiche Interessierte kamen zur Veranstaltung in den Wintersaal. Mit den beiden Vortragenden Abt Petrus Pilsinger und Dr. Isabelle Jonveaux sprachen echte Kenner der Materie. Frau Dr. Jonveaux forscht als Soziologin schon seit vielen Jahren zum Thema Mönchtum. Eine Frucht dieser Arbeit konnte in feierlicher musikalischer Umrahmung an diesem Abend vorgestellt werden: Ihr kürzlich erschienenes Buch „Mönch sein heute“ über das Mönchtum in Österreich (Echter-Verlag, 2018).

Abt Petrus Pilsinger: Leben, damit die Zukunft zum Segen wird

MG 2018-2-4Abt Petrus Pilsinger, seit knapp fünf Jahren Abt des Klosters Seitenstetten, schöpfte bei seinem Impuls-Referat aus seinem Erfahrungsschatz als Seelsorger. Er halte gerne Ehe-Kurse und frage da die Paare immer, wie sie sich die Zukunft vorstellten; er rate ihnen dabei, sich auf das Unerwartete einzustellen. Anders als heute vielfach vermittelt, sei nämlich das Neue nicht automatisch gut, Neuerungen könnten sich als Fluch darstellen, wie Abt Petrus hervorhob. Im Blick auf die Zukunft stellte er daher die Frage: „Wie leben wir, dass uns die Zukunft ein Segen wird?“ Um Antworten drauf zu finden, seien Benediktiner-Klöster da, bedeutet „benedictus“ ja „gesegnet“. Wir Mönche suchten das Leben und damit Zukunft, unser Ziel sei Leben-Wollen, so Abt Petrus weiter. Schließlich richte sich schon der hl. Benedikt im Prolog seiner Regel an die, die das Leben liebten. Gleichzeitig machte der Abt deutlich, dass im Prinzip alle Menschen ja gut leben wollten.

Zukunft hat, wer eine Sendung hat

Doch was heißt das? Wie machen das Klöster konkret? Dazu nannte Abt Petrus drei Punkte:
Leben vertiefen, statt den Kick suchen: „Wann lebt man eigentlich, nur am Wochenende, von Freitag bis Sonntag?! Mehr Lebensstandard gleich mehr Leben?!“ Diesen heute weit verbreiteten Einstellungen stellte Abt Petrus die Klöster als Orte der Lebenssuche und Lebensvertiefung entgegen. „Mehr Vertiefung heißt mehr leben“, so der Abt, was sich im Gelübde der klösterlichen Lebensführung ausdrücke.
Gemeinsam Leben teilen: Leben teilen bedeute, zusammen zu feiern aber auch füreinander Verantwortung zu tragen, nicht aber in den anderen „die Erfüllungsgehilfen für meine Bedürfnisse zu sehen.“ „Dass die Brüder zusammenhalten“, mache das Leben aus. Dabei ist das Kloster kein Selbstzweck, sondern für Gott und die Menschen da. „Mönche wissen, wofür sie leben. Jahrhunderte haben wir das gewusst, ich hoffe wir vergessen das nicht!“, mahnte Abt Petrus. Als großes Problem in Klöstern sehe er die Gefahr des Narzissmus. Hier brauche es das Gelübde des Gehorsams. Schließlich gelte: „Zukunft hat, wer eine Sendung hat, wer weiß, wofür er lebt“.
Vergebung walten lassen: Zweifeln und Scheitern machen auch vor Klostermauern nicht halt. So erlebe man die Grenzen von Gemeinschaft, „die Gebrechlichkeiten und Lebensschicksale“ genauso im Kloster. „Auch ein Fremd-Gehen gibt es“, so Abt Petrus, ein Desinteresse an der Gemeinschaft, das sich etwa im Ausleben von Süchten oder Habgier zeige. Darum gelte: „Zukunft hat, wer auch Vergebung und Barmherzigkeit“ kennt, wer „Befreiung vom Druck, perfekt sein zu müssen“, erfahren darf. Dem entspreche das dritte benediktinische Gelübde der Stabilitas: Standhalten bis zum Ende.

Alle drei Punkte fasste Abt Petrus in dem Satz zusammen: „Wer leben will, hat Zukunft!“

Dr. Isabelle Jonveaux: Drei Thesen zum Mönchtum von heute

MG 2018-2-6Nach Abt Petrus Pilsinger stellte Dr. Isabelle Jonveaux ihre Thesen und Eindrücke vor. Sie begann mit der Frage, warum ihr neues Buch nur Österreich behandele. Die Antwort war verblüffend: „Weil dieses Klosterleben so anders ist als in vielen europäischen Ländern!“ Ihre früheren Forschungsergebnisse über Klöster in Frankreich oder Belgien würden hier nicht gelten, da ihre Geschichte eine ganz andere sei.

So lautete ihre erste These: „Das Mönchtum ist überall sehr geprägt von der Geschichte, d.h. gesellschaftlich, politisch, sozial usw.“ Die Klöster hätten etwa in Österreich ganz andere wirtschaftlichen Bedingungen als die in Frankreich. Dr. Jonveaux betonte: „Die Mönche leben nicht so, wie sie es wollen, sondern von Erbe und Geschichte“, und das, so Dr. Jonveaux weiter, sei „keine religiöse Entscheidung der Gemeinschaft.“
In der heutigen Zeit stelle sie zweitens eine Wende fest, die viele Aspekte des Klosterlebens betreffe, die man aber oft nicht wahrnehme. „Die Gesellschaft entwickelt sich und so müssen sich auch Klöster stets neu bestimmen“, hob sie hervor. Das Verständnis von Askese und Fasten habe sich beispielsweise sehr verändert. „Man kann den Eindruck haben, dass das Fasten keine Bedeutung mehr hat“, so Dr. Jonveaux, „doch die neuen Medien sind eine Herausforderung: Internet-Fasten ist heute schwerer als Fleisch-Fasten“. Das sei Askese heute.
Als dritten Punkt nannte Dr. Jonveaux die veränderte Rolle der Klöster in der Gesellschaft: „Sie sind heute nicht weniger wichtig als früher, aber sie haben eine andere Rolle und eine neue Plausibilität.“ Klöster seien interessant als Orte „alternativen Lebens“. Für eine Gesellschaft in der Krise auf der Suche nach anderem Leben sind Klöster Vorbilder, etwa durch ihren Umgang mit der Natur. „Klöster haben eine neue Glaubwürdigkeit, obwohl die Kirche diese verliert.“

Zukunft gibt es, wenn man weiß, wozu man da ist!

In ihren Feldforschungen habe sie oft erlebt, dass selbst Mönche zum Beispiel in Belgien an ein Ende des Klosterlebens glaubten. „Aber man darf nicht nur auf die Zahlen schauen!“, so Dr. Jonveaux. Wichtig sei die Frage, was Mönch sein heute bedeute, was seine Identität sei. „Zukunft gibt es, wenn man weiß, wozu man da ist“, resümierte sie ähnlich wie Abt Petrus. Gerade in Frauengemeinschaften sei das ein Problem, dass man sich der Frage nach der Identität nicht stelle. Doch: „Zukunft haben Gemeinschaften dann, wenn sie eine Zukunft haben wollen!“

Diskussion: Österreichs Klöster in der Zukunft

Im Anschluss an die beiden Referate führte P. Bernhard Eckerstorfer OSB in die Diskussion ein. Auf die an Abt Petrus gerichtete Frage, worauf er sich im Referat von Frau Dr. Jonveaux beziehen wolle, antwortete dieser, dass ihn das Wort Askese hellhörig gemacht habe. Ja, der Umgang mit dem Internet sei eine Herausforderung, auch für ihn persönlich: „Manchmal ziehe ich mir einen Krimi nach dem anderen rein“, gestand er. Um Leben zu vertiefen, statt alles auszureizen, brauche es die Askese, die er folgendermaßen definierte: „Mit dem, was zur Verfügung steht, so umzugehen, dass es dem Leben gut tut.“

„Die Klöster in Österreich sind offene Orte!“

Auf die Frage von P. Bernhard, was Dr. Jonveaux den anwesenden Äbten für die Zukunft raten wolle, nannte sie drei Punkte. Als erstes sei es wichtig, „sich den Fragen der Identität zu stellen“, man müsse sich damit konfrontieren und darüber in den Gemeinschaften sprechen. Zweitens gewinne für die Zukunft das Studium an Bedeutung, „damit man Reflexion lernt“; dies sei vor allem für die Frauengemeinschaften relevant. Zuletzt riet Dr. Jonveaux den Äbten, den Jungen zu vertrauen, da die heute Eintretenden den Schritt ins Kloster wirklich selber wollten und nicht etwa wegen der Familie kämen. „Den Jungen zuhören, weil sie die Zukunft tragen!“, rief sie ihnen zu. Interessant war noch ihre Einschätzung der Klöster in Österreich als „offene Orte“, wohingegen etwa viele französische Klöster „geschlossene Orte“ seien. Die Debatte, wo das „echte Mönchtum“ zu finden sei, sei eine „Debatte ohne Ende“, da die Prägungen durch die Geschichte eben verschieden seien. In österreichischen Klöstern spüre man, dass die Mönche echte Menschen seien: „ganz Mönch und ganz Mensch!“ Nach dem Paradox gefragt, dass zwar viele die Klöster schätzten, aber kaum einer eintrete, ordnete sie diese Erscheinung in die „Krise des Engagements“ in der heutigen Gesellschaft ein. Dies sollte man aber nicht nur negativ sehen, sondern als Chance begreifen: „Was bedeutet das für uns?“

Neue Stabilität: Auf das Zentrum schauen

Abt Petrus Pilsinger erläuterte, dass die Arbeit in den Pfarren zu den österreichischen Klöster zwar dazugehöre, aber auch die Gefahr bestehe, die Pastoral als Ausrede für das Fernbleiben vom Chorgebet zu nutzen. Eben dieses Gebet sei jedoch die erste Aufgabe im Kloster. Die „Zentripedalkräfte“ zum Zentrum Gottesdienst seien zwar manchmal schwächer als die „Zentripedalkräfte“, sich in der Arbeit zu verlieren, doch als Abt bemühe er sich sehr darum, dass die Mönche am Gebet teilnähmen. Außerdem hob er hervor, dass es heute den Nicht-Priestern im Kloster gegenüber neue Wertschätzung gäbe. Die Brüder seien sehr kostbar; sie seien immer da, weil sie keine pfarrlichen Verpflichtungen hätten.
Auf die Stabilität im Kloster hob auch Dr. Jonveaux in ihrem Schlusswort ab. Es brauche eine Gemeinschaft am Ort: „Das Kloster muss ein Haus sein, wo Menschen wohnen.“

Wenn man den beiden Referenten Abt Petrus Pilsinger und Dr. Isabelle Jonveaux glaubt, können Gemeinschaften also sehr wohl eine Zukunft haben, aber eben nur, wenn sie das auch wollen.

Wie immer bei Mehrwert Glaube wurden nach dem Vortrag noch viele aufgeworfene Fragen bei Wein, Brot und diesmal auch bei Faschingskrapfen in geselliger Runde ausgiebig besprochen.

Bericht von Frater Anselm Demattio

Zum Nachhören

Statement von Abt Petrus Pilsinger OSB:

Statement von Dr. Isabelle Jonveaux:

Diskussion:

Buchinformation, Neuerscheinung

Isabelle Jonveaux
Mönch sein heute. Eine Soziologie des Mönchtums in Österreich im europäischen Dialog
184 Seiten / 14 x 22,5 cm Broschur
Echter Verlag, 2018, ISBN 978-3-429-04445-9, € 20,50