Wahre Größe!?

Wann ist jemand groß? Vielleicht ja dann, wenn er weiß, dass er klein ist!? Ein Impuls zur Einladung Jesu: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Mt 11,28

Predigt zu den Schriftstellen des 14. Sonntags im Jahreskreis A; Lesung: Sacharja 9,9-10; Evangelium: Matthäus 11,25-30;

Manche Herrscher – genaugenommen an die 50 – haben es in den letzten 2500 Jahren geschafft, schon zeitlebens oder zumindest von der Nachwelt den Beinamen „der Große“ zu erhalten. Wobei es eine spannende Frage ist, wie in diesem Zusammenhang „Größe“ zu verstehen ist. Dass es sich hierbei nicht um Hünen mit 2 Meter 5 Körpergröße handelt, ist klar. So definiert schon der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt Ende des 19. Jahrhunderts, dass diese Männer deshalb so als Ideale fortleben, weil sie es geschafft haben, ihren Zeitgenossen ein Gefühl des Aufschwungs zu verleihen. Freilich war dieser Aufschwung immer mit blutrünstigen Eroberungszügen und mitunter menschenverachtender Politik verbunden. Auf den ersten Blick ist diese „Größe“ also wohl eher nichts, was für uns als Christen heute in irgendeiner Weise erstrebenswert wäre. Dennoch schaffen es auch in unserer Zeit, ob in Gesellschaft oder Wirtschaft vielfach Hardliner nach Vorne und nach Oben. Neben diesen Großen – Alexander der Große, Karl der Große, Friedrich der Große und Peter der Große sind die vier Bekanntesten – zieht sich durch die Geschichte aber auch der Wunsch der Menschen nach einem Anführer, der sich nicht mit Ellenbogentechnik durchsetzt, sondern der wirklich den Frieden bringt. Der Ruhe und Sicherheit verheißt. Dieses Bedürfnis ist wohl etwas, was zutiefst menschliche Sehnsucht ist, immer und nicht nur jetzt in der Urlaubszeit, dass wir Mühseligen und Beladenen endlich aufatmen können und Ruhe finden. Wahre Größe ist sodann nicht mit den Eigenschaften der genannten historischen Persönlichkeiten verbunden. Gerade als Kremsmünsterer sieht man ja Karl den Großen sehr kritisch, weil er seinen Cousin, unseren Gründer Herzog Tassilo zum Tode verurteilt hat. Groß ist nicht, wer verurteilt, sondern wer verbindet. Die Völker an sich verbindet und die Wunden der Menschen im Speziellen verbindet. Vor allem auch die Wunden der Seele. Diese Größe hat Jesus und gerade deshalb lädt er in Fortführung des Textes des alttestamentlichen Propheten Sacharja ein, dass wir ihm trauen können.
„Kommt alle zu mir“ … ich persönlich kann diese Einladung gar nicht oft genug hören. Da ist keine Rede davon, dass ich mir die Einladung zum Fest des Königs verdienen muss oder nur durch Geburt erwerben kann. Jesus gibt keinen Dresscode vor, es gibt keine Securities, die unliebsame Gäste abwimmeln, Voraussetzung für den Einlass ist allein, dass ich mir bewusst bin, dass ich neben allem was ich kann und weiß und bin, eben auch vor allem bedürftig und beladen bin. Jeder trägt Lasten des Lebens mit. Beim Fest Gottes brauchen wir sie nicht an der Garderobe deponieren, wo man dann, wenn das Fest aus ist, seine Sachen wieder abholen muss. Das, was uns niederdrückt sollen wir mitbringen und es nicht verstecken, sondern Gott bei seinem großen Fest, zu dem er uns einlädt als Geschenk überreichen, Das wollen wir heute bei der Gabenbereitung im Herzen wieder tun, denn dann werden auch wir gewandelt. Dann finden wir wirklich Ruhe.
„Ausschlafen“ ist so ein Bedürfnis von jungen Menschen heute. Dahinter steht, dass sie das Gefühl haben, dass der Alltag sie so fest im Griff hat, dass sie ihm durch den Schlaf entfliehen müssen. Im Schlaf erreicht man ja bekanntlich dann wieder seine volle Körpergröße und manche behaupten, dass Kinder überhaupt mehr wachsen, je mehr sie schlafen. Dieses Ausruhen, das hoffentlich in den nächsten Wochen bei uns allen einmal dran ist, kann uns zur wahren Größe führen. Nicht zu der Größe, die Karl und andere hatten, sondern zu einer Größe, die sich paradoxerweise dadurch zeigt, dass wir wissen, dass wir klein und schwach sind.
Gebe Gott uns ein großes und weites Herz, dass wir seine Einladung annehmen und uns hineinnehmen lassen in sein Friedensreich. Denn er verheißt uns: „Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“
P. Franz Ackerl, 09.07.2017
Das Bild zeigt Karl den Großen, der neben unserem Klostergründer Herzog Tassilo bei unserem Brückentor bewusst viel kleiner dargestellt ist.

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