Österreichs Benediktiner erkunden die Natur

150 Benediktinerinnen und Benediktiner bei Wallfahrt zur Landesgartenschau nach Kremsmünster. Predigt von P. Daniel zum Nachlesen.

An jedem zweiten Pfingstdienstag unternimmt die Österreichische Benediktinerkongregation eine Wallfahrt. Für dieses Jahr hatte Abtpräses Christian Haidinger OSB nach Kremsmünster eingeladen; er war bis zu seiner Wahl zum Abt von Altenburg (2005) selbst Benediktiner in Kremsmünster w. Anlass, diesmal ins oberösterreichische Stift an der Krems zu kommen, war die Landesgartenschau.
Der Weg führte zuerst vom Prälatenhof zum Sagteich, an dem P. Franz Ackerl OSB einen Impuls hielt und betonte, jeder und jede der doch recht unterschiedlichen Ordensleute hätte einen eigenen Weg der Nachfolge, in der Gott jemanden ganz persönlich führt und trotz der eigenen Schwächen zum Boten seines Reiches auserwählt. Im Schweigen ging es zur Kaplaneikirche Kirchberg, in der P. Benno Wintersteller OSB eine geschichtliche Einführung hielt und unter Abtpräses Christian eine Eucharistiefeier stattfand. In der Predigt sprach P. Daniel Sihorsch OSB über die religiöse Bedeutung des Gartens – seine Ausführungen sind hier nachzulesen.
Am Nachmittag war Gelegenheit, unter Führung und alleine die Landesgartenschau zu besichtigen. Die 150 Benediktinerinnen und Benediktiner zeigten sich sehr beeindruckt von der vielfältigen Gestaltung des Stiftes Kremsmünster durch die Landesgartenschau. „Dieses Kloster habe ich in den letzten Jahrzehnten unzählige Male besucht, aber ich erlebe es jetzt auf ganz neue Weise und bin erstaunt, wie viel sich hier gewandelt hat“, meinte ein älterer Pater aus einem anderen Benediktinerkloster.

Predigt von P. Daniel

anlässlich der Wallfahrt der Österreichischen Benediktinerkongregation nach Kremsmünster zur Landesgartenschau (Pfingstdienstag, 6. Juni 2017)
Hl. Messe in der Rokoko-Kirche St. Stephan zu Kirchberg / Kremsmünster

Lieber Abtpräses Christian, lieber Abt Ambros, liebe Äbte, Mitbrüder, Mitschwestern, Oblatinnen und Oblaten, Schwestern und Brüder!

Ihr Halsstarrigen, ihr, die ihr euch mit Herz und Ohr immerzu dem Heiligen Geist widersetzt, eure Väter schon und nun auch ihr.“ (Apg 7,51) Das ruft am Ende seiner beeindruckenden Predigt Stephanus seinen Anklägern entgegen. In seiner Kirche – St. Stephan – befinden wir uns. Stephanus – erfüllt vom Heiligen Geist blickte er zum Himmel empor. „Er rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apg 7,56) Das war zu viel. Er wird vor die Stadt gezerrt und gesteinigt.

Tobit, in der heutigen Lesung, ein frommer und gerechter Mann, vollbringt in der Verbannung abermals eine lebensgefährliche Tat: erneut bestattet er am Pfingstfest einen ermordeten Glaubensgenossen – und was geschieht: Er wird mit Blindheit geschlagen, es kommt zur Krise zwischen ihm und seiner Frau und er wird mit Vorwürfen überhäuft. (vgl. Tob 2,9-14)

Und Jesus selbst: Immer wieder versuchen sie ihn umzubringen, suchen ihm eine Falle zu stellen (Mk 12,13-17) – bis es schließlich zum Drama kommt: Verhaftung, Folter, Kreuzigung, Tod.

Was ist das für eine Welt in der wir leben? Menschen, die gerecht und fromm sind, die sich für andere einsetzen, sich engagieren, die Brücken bauen zwischen Mensch und Mensch, zwischen Himmel und Erde – Tobit, Stephanus, die Apostel, unzählige Heilige, Heilige der Geschichte, Heilige der Gegenwart – sie müssen in vielfacher Weise Anteil nehmen am Leiden, – und – ja – auch am Sterben Jesu.

Aber, war da nicht etwas von einem Anfang, von dem es hieß: es war gut, es war sehr gut? War da nicht etwas von einem Schöpfer, der alles was ist ins Sein rief: Himmel und Erde, Licht und Dunkel, Pflanzen und Tiere – und den Menschen: seine Schöpfung! Und es war sehr gut. Und gibt es da nicht auch – ganz am mythischen Anfang – einen Garten, einen Garten, den kein geringerer als Gott selbst anlegt: Gott, der Herr, legte in Eden, im Osten einen Garten an. (vgl. Gen 2,8) Etwas salopp formuliert: Auf Gottes Visitenkarte könnte unter anderem stehen: Beruf: „Gärtner“. Seit Urzeiten meinten die Menschen: Auch wenn wir immer wieder Neid, Missgunst und Eifersucht, Hass und Unfrieden erleben, es muss doch einmal gut begonnen haben! Dieser gute Anfang wird in einem Garten gesehen: Und Gott, der Herr, legte in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. In diesem Garten herrscht der Zustand einer „Ur-Harmonie“, eines „Ur-Friedens“; es ist die innere Harmonie des Menschen mit sich selbst, die Harmonie zwischen Mann und Frau, zwischen dem Menschen und der gesamten Schöpfung – all dies begründet in einer tiefen Vertrautheit mit Gott.

Dort Harmonie, „Ur-Friede“ – und hier Krieg, Hass, Terror. Wie geht das zusammen? Und dazwischen reden Menschen vom Garten, von Pflanzen. Ist das überhaupt möglich, legitim? Sie tun es in der Vergangenheit, sie tun es heute.

Im 13. Jahrhundert macht sich Albertus Magnus (1193-1280) über den Ziergarten Gedanken, über den Gesichts- und Geruchssinn. „Hinter dem Rasen aber soll eine große Vielfalt von Heil- und Duftpflanzen stehen, sodass er nicht nur durch den Duft den Geruchssinn erfreut, sondern auch die Blumen durch ihre Verschiedenartigkeit die Augen erfrischen und diese in vielen Formen durch ihre Vielfalt die Betrachter zur Bewunderung hinreißen.“ Ein halbes Jahrhundert früher schreibt Hildegard von Bingen (1098-1179) über den Fenchel: „Fenchel macht den Menschen fröhlich, vermittelt angenehme Wärme und guten Schweiß, und er verursacht gute Verdauung.

Kulturhistorisch ist der Garten die Verbindung von Natur und Kultur. Im Garten wird durch die Kultur des Menschen der Natur ihre Bedrohlichkeit und Unberechenbarkeit genommen und für den Menschen in vielfältiger Weise nutzbar gemacht. So wird der Mensch von Gott in den Garten gesetzt, damit er ihn bebaue und hüte. (vgl. Gen 2,15)

Dabei entstammt die Idee Garten nicht unserer gemäßigten Klimazone, wo es ohnehin Grün, Pflanzen in Hülle und Fülle gibt, aber dieses Grün eher zurückgedrängt, gerodet werden musste. Die Idee Garten stammt aus den Wüsten- und Steppengebieten im Osten – in Eden: Schon der Name „Eden“ aus dem Sumerischen deutet darauf hin: Er bedeutet eben „Steppe, Wüste“. Der sogenannte „fruchtbare Halbmond“, das Gebiet vom alten Mesopotamien mit seinen Flüssen Euphrat und Tigris, über den Jordan bis zum Nil und seinem Delta war ein der Wüste abgerungenes, in täglichem Kampf gegen sie verteidigtes Land. [ Dort entstanden die Hochkulturen der Sumerer, Babylonier und Perser, der Ägypter und Hebräer und später des griechischen Kleinasiens. ] Von dort stammen die ersten Paradies-und Gartenschilderungen, wie sie im Gilgamesch-Epos des 12. Jahrhunderts vor Christus und in der biblischen Paradiesesvorstellung des 8. Jahrhunderts vor Christus zu finden sind. Ihre Gärten sind mehr als eine bloße Ansammlung grüner Pflanzen. Sie schaffen mythische Räume, die Ausdruck tiefster seelischer Regungen sind sowie religiöse Inhalte konkretisieren.

Kulturhistorisch gehört zu einem Garten der Zaun, die Hecke. Der Begriff Paradies, stammend aus dem Altpersischen „pairi-dae-za“, bedeutet ja zuerst einmal Zaun, Umfriedung. Die persischen Könige, wie viele andere Herrschende und Reiche jener Region hatten die Fruchtbarkeit der Flussoasen an ihre Paläste und Häuser herangeholt. Um die Gärten selbst gegen heiße Winde und Sandstürme, aber auch gegen wilde Tiere und menschliche Begehrlichkeiten zu schützen wurden sie mit Mauern umgeben.

Die griechische Septuaginta bezeichnet schließlich den Garten Eden als „parádeisos“, „Paradies“. Das Paradies – ein mythischer Ort der bergenden, schützenden Nähe Gottes. Wie die Gärten in der Wüste durch eine Mauer geschützt sind, so umgibt und schützt Gott uns Menschen. Doch aus dieser „Ur-Harmonie“ wurden wir vertrieben. Der Mensch erlebt Schmerz und Mühsal, Hinterhalt und Todschlag. Der Garten wird zu einem Ort der Sehnsucht.

Mit Jesus Christus beginnt alles neu. Er führt ins Paradies zurück. „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein“, ruft er dem rechten Schächer vom Kreuz herab. (Lk 23,43) Schon die Leidensgeschichte beginnt in einem Garten, im Garten Getsemani am Ölberg. Oft war er in diesem Garten mit seinen Jüngern zusammengekommen. (vgl. Joh 18,2) Jesus wird gekreuzigt und ein weiterer Garten wird erwähnt: „An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.“ (Joh 19,41) Jesus wird in einem Felsengrab eines Gartens bestattet. Dort in diesem Garten geschieht Ungeheuerliches. „Das Grab ist leer. Jesus ist auferstanden!“ Christus ist der neue Adam. Das Vergehen des einen brachte die Vertreibung aus dem Paradies und Tod, die Erlösungstat Jesu schenkt den Menschen die Wiedererlangung des ursprünglichen Gartenrechts, Begegnung mit Gott, Leben in Fülle. Im Garten wird Jesus begraben, im Garten geschieht Auferstehung – und so kommt es, dass Maria aus Magdala den auferstandenen Herrn zunächst für den Gärtner hält: „Sie meinte, es sei der Gärtner.“ (Joh 20,15) Gott legte in Eden einen Garten an – der Auferstanden ist der göttliche Gärtner. Er nennt Maria beim Namen und sie erkennt ihn. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis vertreibt. Jesus nennt die Menschen beim Namen, diese Erkenntnis schenkt erneute Vertrautheit mit Gott.

Auf diesem Hintergrund kann bereits der ägyptische Mönchsvater Pachomius sein berühmtes Zitat sprechen: „Der Ort im Kloster, wo man Gott am nächsten ist, ist nicht nur die Kirche, sondern der Garten, dort erfahren die Mönche ihr größtes Glück.“ (erste Hälfte 4. Jh.)

Der Garten in seinen vielfältigen Ausdrucksformen war von jeher – ob bewusst oder unbewusst – ein Sehnsuchtsort nach Harmonie und Frieden, als Ort, der von manchen bezeichnet wird als „mein Paradies“.

Von jeher wollten die Mönche das Paradies auf die Erde ziehen; durch Jesus geschieht ja eine Umkehrung der Rede vom Paradies. Nicht mehr der mythische Anfang steht im Zentrum, sondern das künftige Reich Gottes, das ist das Paradies; und seine vollendete Realität ragt in die Gegenwart herein. Das Paradies, das kommende Reich Gottes wird irdisch konkret durch die monastische Lebensform, durch Gebet und Gottesdienst sowie durch die Vielzahl von Gärten, wobei der Kreuzganggarten eine bevorzugte Stellung einnimmt. Er imitiert mit seinen arkadengesäumten Gängen das von einer Hecke geschützte Paradies, der Brunnen – meist in der Mitte des Gartens, symbolisiert den Strom, der in Eden entspringt und die von ihm ausgehenden Weg zeichnen die vier Paradiesflüsse nach. Die Symbolik der Gärten mit seinen unzähligen Pflanzen ist vielfältig.

Ist der Garten heute zu einem Ort der Weltflucht, der biedermeierlichen Zurückgezogenheit geworden? Der Zukunfts- und Trendforscher Andreas Steinle erklärte in der „Frankfurter Allgemeinen“: „In einer komplexen Welt ohne Grenzen und Orientierung sucht der mobile Mensch nach Begrenzung, Schutz, Sinn und Geborgenheit.“ Zum Beispiel dadurch, dass er einen Garten anlegt. Der Garten – nur ein Fluchtort?

Was ist das für eine Welt in der wir leben?

Für mich sind die Gärten Orte, wo sich Nützliches mit Schönem verbindet, und ob ich nun selber gartle, durch den Garten spaziere, oder in Ruhe auf einer Gartenbank sitze, der Garten gibt Kraft, ist Erholung für Leib, Seele, Geist. Alles wird Sprache und diese Sprach zu verstehen, ist Gebet.

Pfingsten, Hl. Geist, der Geist der antreibt, Mut macht – wie beim Hl. Stephanus. Der Geist, der Mauern überwindet, Sprachlosigkeit vertreibt.
P. Josef hat von einer Bekannten, die sich in der Flüchtlingsbetreuung engagiert ein Pfingstbeispiel erzählt bekommen. Seit über zwei Jahren betreut sie einen syrischen Flüchtling; verschlossen, in sich gekehrt ist er. Sie besuchen die Gartenschau. Sie merkt, wie es ihm Schritt für Schritt besser geht. Nach einer halben Stunde beginnt er auf einmal zu reden. Erzählt Dinge von sich, von denen er zwei Jahre nicht gesprochen hat. Er zeigt Fotos von seinen getöteten Familienmitgliedern und er macht Bilder von der Blumenpracht, die er seiner Schwester senden möchte, die er seit Jahren nicht gesehen hat. All das hat ihn sehr erleichtert. Die Schönheit der Gärten bewegt etwas in ihm, durchbricht Mauern und Sprachlosigkeit. Da wirkt der Hl. Geist – durch Menschen und durch die Schöpfung Gottes.

Im Garten liegt Auferstehungskraft, wächst Pfingst-Geist, der Garten öffnet Zukunft. Der Garten bietet Schutz und Geborgenheit, der Garten baut Brücken zwischen Mensch und Mensch, zwischen Erde und Himmel.

Amen!