Ver-rückt

Gedanken zum Pfingstfest und Gottesdienstordnung

Da sind eine Hand voll Menschen, die sich entschlossen haben, alles aufzugeben und einem Mann zu folgen, den sie nicht kenne, der sie aber einfach so anspricht. Das ist doch verrückt.
Da ist einer, der sich als Sohn Gottes bezeichnet und der davon spricht, dass das Reich Gottes anbricht und dann hängt er tot am Kreuz. Gott von Menschen getötet. Das ist doch verrückt.
Da sind Männer und Frauen, die verängstigt beisammen bleiben, die erzählen, dass Heiliger Geist über sie gekommen ist und dann haben sie diese Wahnsinns-Botschaft vom menschgewordenen-getöteten-auferstandenen Gottessohn in die ganze Welt getragen. Das ist doch verrückt.
Und weil diese Verrückten nicht im stillen Kämmerlein geblieben sind, gibt es unsere Gemeinschaft der Kirche, deren Geburtstag wir zu Pfingsten feiern. Verrückt.
Ja, ver-rückt. Denn die Botschaft des christlichen Glaubens galt in der damaligen Welt, als das Christentum entstanden ist als ganz und gar unglaublich. Dass da auch Frauen vorne dabei waren, dass man mit Gott wie mit einem Freund reden kann, dass wir glauben dass Gott unsere menschlichen Schwächen und Probleme kennt. Das ist so verrückt, dass es die Welt ver-rückt hat. Da hat sich etwas bewegt. Mehr noch als wenn man Möbel verrückt und dann schaut die Wohnung anders aus. Seit der Auferstehung Christi schaut die ganze Welt anders aus. Die Jünger, die sich aus Furcht vor den damaligen religiösen Führern eingeschlossen hatten, werden eingesetzt, um in aller Welt Zeugnis abzulegen und die Sünden zu vergeben. Diese Botschaft der barmherzigen Liebe Gottes, dass Menschen im Namen Gottes sagen können „deine Sünden sind dir vergeben!“, kann die Welt ver-rücken. Denn dann zählt nicht mehr unsere Leistungsgerechtigkeit und das Motto „was es wiegt, das hat’s“, nein dann geht es darum, ob ich glauben kann, dass Gott so verrückt ist, mich so anzunehmen wie ich bin, obwohl er mich genau kennt, ja mehr noch, er vergibt mir die Sünden und sagt mir Seine Liebe zu, gerade weil ich mir diese nie verdienen kann. In wunderbaren Worten hat unser Papst Franziskus das in einem Grußwort an die deutsche Organisation Adveniat im Jahr 2013 auf den Punkt gebracht, wie verrückt unser Gott ist:
„Gott ist verrückt nach uns Menschen, verrückt aus Liebe. Er ist keine unnahbare Gottheit, er will vielmehr unter den Menschen wohnen und zeigt sich uns in einer menschlichen Person, als der Gott mit uns. In seinem Herzen gibt es einen bevorzugten Platz für die Armen.“[1]
Weil Gott Platz hat für die Armen aller Art, deshalb haben sie auch Platz in unserer Kirche, deshalb sollen auch wir allen Menschen mit Achtung und Liebe begegnen, deshalb haben wir selbst Platz in der Kirche. Denn selig sind die Verrückten. Dies ist der Titel eines Liedes – natürlich von meinem Lieblingsliedermacher Reinhard Mey. Wie immer pointiert und scharf, aber dennoch unglaublich fein und wirklichkeitsnahe singt er da von einem alkoholkranken einsamen Pfarrer, vom Selbstgespräch-führenden James-Dean-Fan, von der verlassenen dreifachen Mutter, die sowas wie Liebe zumindest aber sich selbst verkauft, von der alten Sandlerin mit ihrem Hund, und von Sven der durch einen dummen Unfall behindert ist …all diese stehen stellvertretend für uns, die wir ja auch so oft durchs Leben taumeln und wie die Jünger Angst haben, verschlossen sind. Berührend kehrt zwischen den einzelnen Lebensgeschichten immer das einfühlsam-liebevolle Plädoyer des Agnostikers Reinhard Mey wieder: „Selig, die Abgebrochenen, die Verwirrten, die in sich Verkrochenen. die Ausgegrenzten, die Gebückten, die an die Wand Gedrückten, Selig sind die Verrückten!“
Und diese Verrückten werden die Welt verrücken. Der irische Schriftsteller George Bernard Shaw hat einmal gesagt: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.“ Und wenn ich das heute so einfordere, dann meine ich das nicht tiefstapelnd, sondern dann ist das für mich vor allem trostvoll. Jesus hat bei seinem Zwölferkreis damals keine Elite-Einheit gehabt und Gott hat auch keine Spezialeingreiftruppe bei seinem heutigen Bodenpersonal. Frauen und Männer, die spüren, dass das Sinn macht, dem Wort dieses Jesus zu folgen. Frauen und Männer, die spüren, dass dieser so nahe Gott auch in unserem Leid da ist. Frauen und Männer, die durch ihre Worte, mehr noch aber durch ihr da-sein und Tun Gottes Botschaft weitertragen.
Irgendwie verrückt, das zu glauben und entsprechend zu handeln. Dennoch, wenn es diese Verrückten in den letzten 2000 Jahren nicht gegeben hätte, wären wir nicht Christen und vor allem wäre die Welt eine Andere, eine Verrückte. Da wäre vieles aus dem Lot gerückt. Weil aber Menschen diese Botschaft von der Versöhnungsbereitschaft und Barmherzigkeit unseres Gottes in all den Jahren weitergegeben haben, deshalb ist unsere Erde zwar auch ver-rückt, aber in dem Sinn, dass da Platz ist für alle. Rücken wir zusammen und verrücken wir die Welt, dass sie im Kleinen immer mehr ein Stück weniger Wahnsinns-Welt, dafür ein bisserl mehr schon Paradies wird. Ja, das ist verrückt oder die Heilige Kirche.
P. Franz

Gottesdienste zu Pfingsten
PFINGSTSONNTAG, 4. Juni
9.00 Uhr Festgottesdienst der Pfarre
10.15 Uhr Hochamt
Weitere Hl. Messen um 8.00, 11.30 und 19.00 Uhr

PFINGSTMONTAG, 5. Juni
Hl. Messen um 8.00, 10.15, 11.30 und 19.00 Uhr
9.00 Uhr – Festmesse und Kirchweihfest in Kirchberg, die 9.00-Uhr-Messe in der Stiftskirche entfällt!

[1] http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/vom-uberfluss-geben

Foto_Firmbildchen
Ausschnitt aus dem Firmblidchen von Abt Ambros