Die neue Wirklichkeit

50 Tage lang feiert die Kirche Ostern. In der Osterzeit zwischen Ostersonntag und Pfingsten zeigen verschiedene Evangelien, wie der Auferstandene die Welt seiner Jünger verändert. Gedanken zu Joh 21, 1-14.

Die heutige Erzählung mutet fabelhaft an. Wie ein Sinnbild aus einer fernen Zeit und Welt steht sie vor uns, fast wie ein Märchen. Gleichsam unter einem Schleier liegt alles, was wir zu sehen bekommen: die Jünger im Boot in der Dunkelheit der Nacht – mit dem Tod Jesu war es für sie Nacht geworden -; der rätselhafte Fremde am Ufer im Dunst der Ungewissheit; die vergeblichen Anstrengungen der Fischer, der Mangel auf der einen Seite und die Überfülle auf der anderen; schließlich die vertraute und doch entrückte Begegnung unter Freunden, die sich gut kennen und einander dennoch neu verstehen müssen.
In eine seltsame Atmosphäre führt uns das Ende des Johannesevangeliums. Vielleicht spüren wir, dass diese scheinbar so entfernte Welt unsere Wirklichkeit in sich schließt und birgt. Der Fremde, der in dieser Geschichte zunächst im Hintergrund bleibt, aber letztlich die Geschicke der anderen lenkt – antwortet er auch auf unsere Dunkelheit, unser rätselhaftes Dasein, nimmt er sich auch unserer Mühen und Nöte gnädig an? Vielleicht geht uns Erdenbürgern erst durch ein solches märchenhaftes Sinnbild auf, wer Gott ist, wie er uns begegnet und wozu wir Menschen befähigt sind.
Es ist alles wie früher und immer. Jesu Tod am Kreuz hat die Sehnsüchte und Pläne der Jünger zerschlagen. Sie hatten gehofft, die Macht Jesu werde sich zeigen und durchsetzen. Doch nun sind sie verstört, denn anscheinend hat sich nichts geändert. Der Alltag und seine Mühen holen sie ein. Die Jünger gehen fischen. Zwar hat Jesus ihnen schon mehrmals bewiesen, dass er lebt. Aber wo ist er jetzt? Und so hängen sie an ihren Erinnerungen. Was sie mit Jesus und durch ihn erlebt hatten, geht ihnen nach. Er hatte doch immer die Initiative ergriffen, und erst viel später und nur langsam hatten sie bemerkt, was mit ihnen und anderen geschehen war. Da sitzen sie nun im Boot, machtlos und ratlos.
So dunkel wie die Nacht ist, so finster sieht es in ihrem Inneren aus. Nicht einmal ihr angestammtes Handwerk, das Fischen, will gelingen! Ihre Arbeit ist vergeblich und ihr Freund und Herr abwesend. Alles scheint ihnen genommen; in dieser Dunkelheit kann man nur in Depression verfallen. Doch da wird es hell!
Erst jetzt nehmen sie die Gestalt am Ufer wahr; vielleicht stand sie schon lange dort. War er am Ende schon die ganze Nacht da gewesen? Der seltsame Fremde hat nur von der Ferne aus zugesehen; aber er hat die Lage zuinnerst erfasst. Er reagiert weder mit einer schroffen Aufforderung, noch stellt er die Jünger als hilflose Toren hin. Er versetzt sich in ihre Lage, erscheint selbst als ein Bittender; doch in seiner Frage liegt Autorität: “Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?” Die Jünger gehen auf die Frage ein; in dem Augenblick, in dem sie ihre Ohnmacht zugeben, gibt ihnen der Fremde einen Rat. Eindrucksvoll ist hier, wie die Jünger in der Tat wie kleine Kinder ihr Unvermögen eingestehen und dem Aufruf ohne Zögern folgen. Offenbar ist ihnen bewusst: das entscheidende Wort können sie sich nicht selbst geben; sie müssen es von einem anderen empfangen.
Auf sein Wort hin werfen sie also die Netze auf der anderen Seite des Bootes aus und fangen nun ein, was immer schon da war, ihnen aber nicht zugänglich schien. Aus dem bedrängenden Mangel wird beglückende Überfülle. An dieser Fülle gehen ihnen die Augen auf für eine Größe und Macht, die sie übersteigt: “Es ist der Herr!” Berührend, wie Petrus auf diese Erkenntnis des Lieblingsjüngers alles stehen lässt, die vielen gefangenen Fische vergisst und Jesus entgegenschwimmt. Der wartet schon auf die Jünger. Sie stellen keine Fragen. Denn es ist eine seltsame Begegnung; eine andere Wirklichkeit bricht in sie ein, und das Warum, Woher und Wohin zählt nicht mehr. Alles ist schon da, der Herr selbst hat den Tisch bereitet. “Er nahm das Brot und gab es ihnen.” Das letzte Abendmahl vor dem Tod Jesu wird zur bleibenden Gegenwart des Auferstandenen im Brot, wird zur Eucharistie.
Es scheint alles wie früher und immer zu sein – auch für uns an diesem Sonntag. Doch mitten in unserem gewohnten Treiben wartet eine andere, “traumhafte” Wirklichkeit. Man kann sie nicht einfach in Besitz nehmen wie die Sonntagszeitung am Straßenrand. Es braucht Mühe, Geduld, kindliche Offenheit. Dann kann uns neu aufgehen, was wir eigentlich schon erkannt haben, was schon da ist, uns umfängt und trägt; dann dürfen wir dem begegnen der auch heute ruft: “Kinder, kommt zu mir … nehmt und esst … hier ist die Fülle des Lebens.”
P. Bernhard Eckerstorfer

Blumen Fiedler 1
(c) Gerd Fiedler