Die Integration des Apostels Thomas

Wie uns die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“ in der Integrationsdebatte helfen kann, einseitige Haltungen und Schuldzuweisungen aufzubrechen. Eine Osterpredigt von P. Bernhard zu Johannes 20,19-31

  1. Statik: Die Jünger sind in sich selbst gefangen
    Was ist denn mit den Aposteln los? Hinter verschlossenen Türen sitzen sie herrenlos da und wissen weder ein noch aus. Sie haben Angst, leiden am jähen Ende der Begegnung mit ihrem Herrn; sie sind dabei, einander und sich selbst zur Hölle zu werden. Bitterkeit kommt hoch; sie schotten sich von der Welt ab und suchen nach den Schuldigen. Als Jesus ein Starprediger und Wunderheiler war, dem die Menschen nachliefen, da wussten sie noch, wer er ist und was sie selbst darstellten. Doch dann die Katastrophe. Wie kann ein Mensch, der so endet, der Erlöser sein? Die Jünger spüren zwar: Was mit Jesus geschehen ist, das kann noch nicht alles gewesen sein. Doch die Fakten sprechen mehr als dagegen… Wie wenig begreift dieses verstörte Häuflein noch von Jesus, von sich selbst und von der eigenen Berufung! Wie wenig ahnen die Jünger von dem, was da noch geschehen ist und ihr Leben bereits verändert hat.
  2. Dynamik: Jesus schenkt einen neuen Anfang
    Die enge und verschlossene Welt der Jünger wird an jenem Sonntag in Jerusalem aufgebrochen. Plötzlich steht Jesus vor ihnen. Er durchbricht den Mauerring, hinter dem sie sich verschanzt haben und aus dem sie sich mit eigener Kraft nicht mehr befreien können. Und wie kommt Jesus? Nicht mit Getöse und Vorwürfen, moralischen Appellen oder Durchhalteparolen. Unbefangen tritt er ihnen gegenüber: „Friede sei mit euch!” Er will ihnen mehr mitteilen. Er zeigt sich ihnen als der verletzliche Gottessohn, an dem das Kreuz seine Spuren hinterlassen hat. An den Wundmalen erkennen die Jünger ihren Meister, und ihre Angst wird verwandelt: „Da freuten sich die Jünger.” Diese Freude ist mehr als ein bloßes Gefühl des Wohlseins. Sie bedeutet die Erfahrung des Heils, die leibhaftige Begegnung mit Gott.
  3. Wer zu spät kommt, den bestraft vielleicht das Leben, aber nicht Gott!
    Wer das Unerhörte nur vom Hörensagen kennt, für den bleibt es zerbrechlich und fraglich. Wir waren ja nicht dabei, als Jesus den Jüngern erschien – und Thomas auch nicht. Wie wird Jesus mit dem Zweifler par excellence umgehen? Aufs Neue tritt er in die Mitte Jüngerschar und macht auch Thomas jetzt keine Vorwürfe, weil er gemeint hatte, er würde erst glauben, wenn er Jesu Wundmale sehen und berühren könnte. Jesus streckt die Hände aus: „Friede sei mit euch!” Wieder zeigt er sich nicht als der Unberührbare, dem das Schicksal der Seinen gleichgültig wäre. Er lädt Thomas ein: „Komm! Berühr meine Wunden!“ Jesus geht auf seine ungläubigen und unglaublichen Bedingungen ein. Das hatte Thomas nicht erwartet. Doch gerade dadurch gehen ihm die Augen auf. Er bleibt nicht mehr am Vordergründigen hängen und muss nicht mehr auf fassbare Tatsachen und auf spektakuläre Begegnung bestehen. Jetzt erkennt er in den menschlichen Gesten Jesus als jemanden, der auf etwas Größeres verweist, das Menschen nicht machen können: „Mein Herr und mein Gott!” Die Reaktion Jesu darauf ist barmherzig und genau. Sein Wort richtet, aber richtet auch auf: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.”
  4. Die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten
    Die biblische Geschichte vom „zweifelnden Thomas“ (ungläubig war und blieb er ja nicht) ist ein Beispiel, wie der schöne Satz von Max Frisch umzusetzen ist: „Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen.“ Der, der draußen war, wird hereingeholt. Ihm wird signalisiert, dass er dazugehört – und damit die Möglichkeit gegeben, seine Skepsis und seinen Groll loszulassen. Wichtig vor dem letzten Schritt, vor dem Versuch der Aktualisierung zu betonen, dass Jesu Gestalt und Botschaft nicht zu schnell und vor allem nicht direkt auf rein menschliche Zusammenhänge reduziert werden darf: Er wirkt auf geheimnisvolle, nie ganz fassbare Weise fort und öffnet so in einer engen Welt den Weg ins Freie. Er wird nicht der alte Kumpel von früher, der endlich dreinschlägt, sondern bleibt uns letztlich entzogen. Wir werden ihn nicht begreifen, können ihn nicht greifen. Doch gerade darin kommt eine andere Größe und Macht zum Vorschein. Sie übersteigt alles, was wir Menschen, taumelnd zwischen Angst und Gewalt, uns ausmalen können.
  5. Der Auftrag für die aktuelle Debatte um die Integration
    Heute ist viel von Integration die Rede. Dieser Begriff droht zum Schlagwort zu werden, wird auch gerne im Totschlagargument eingespannt, demzufolge jeder Fremde, der gewalttätig wird, sicher zu wenig integriert war und die Schuld dadurch eigentlich die jeweilige Gesellschaft trifft. Und doch muss die Integration als hoher Wert gesehen und immer neu ins Spiel gebracht werden. Am besten durch Beispiele: Die neue Landesgartenschau in Kremsmünster wird kulinarisch vom SPES-Haus Schlierbach bespielt. Spes heißt Hoffnung. Aus Mangel heimischer Arbeitskräfte im Gastgewerbe wurden junge männliche Flüchtlinge angelernt. Ihnen wurde der Mantel angeboten, in den sie hineinschlüpfen können – mit der Botschaft: Du gehörst dazu. „Habt keine Angst“, würde Jesus in alle Richtungen einer allzu polarisierten Diskussionslandschaft sagen. So bedienen jetzt Asylbewerber auch jene Menschen, die sich angesichts der Flüchtlingsströme bedroht fühlen, und laden sie ein, der Wahrheit durch menschliche Begegnung ins Auge zu schauen. Umgekehrt können auch die Zweifler den Mantel der Wahrheit jenen hinhalten, die generell in offenen Grenzen die einzige Möglichkeit sehen und Andersdenkende vorschnell als Rassisten abstempeln: Kann es nicht humaner sein, jene einzufliegen, die in Kriegsgebieten keine Chance haben und wie viele Christen in Nahost einer entsetzlichen Verfolgung ausgesetzt sind? Also eine restriktive Asylpolitik zu verfolgen und dafür auf Menschen zu schauen, die gar nicht die Möglichkeit haben, sich durch Schlepper in ein anderes Land zu kaufen, gar nicht mehr die Kraft haben, hunderte Kilometer Flucht auf sich zu nehmen?

Jesus zeigt uns jedenfalls, wie aus Statik Dynamik wird, was Integration anderer Menschen und Meinungen bedeuten könnte. Er stellt seinen Leib dem Thomas gleichsam als Mantel zur Verfügung, um die ganze Wahrheit zu erkennen und ihn so für das Leben zu gewinnen. Und wir können von Jesus auch lernen, dass er seine Wunden gezeigt hat. Eine Geste, die uns anspornen könnte, unsere eigenen Wunden anzusehen und vor anderen nicht zu verbergen und deshalb auch so manche politische Ideologisierung hinter sich zu lassen, die doch oft nur ein aggressiver Abwehrmechanismus ist, sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen.

ungläubiger Thomas
Bild: Ilse Oberhofer http://anschnallenoderloslassen.blogspot.co.at/2014/07/furbitten-36-der-unglaubige-thomas.html