Nachgehen

Ein Impuls zum Evangelium des 24. Sonntags im Jahreskreis, 11. Sep. 2016

Manchmal kann ich mich über etwas furchtbar ärgern. Als Kind hab ich meinen Jähzorn dann öfter so inszeniert, dass ich mit knallenden Türen auf mein Zimmer gelaufen bin und dort geschmollt habe. Besonders beleidigt war ich, wenn mir niemand nachgegangen ist. Egal ob es jetzt ein tröstendes Gespräch war oder eine Fortsetzung der Diskussion, es war gut, an einem anderen Ort, mit einem anderen Blickwinkel zu reden. Jedenfalls war es für mich persönlich wichtig, irgendwie aus der Situation, die mich momentan so geärgert hat, davon zu laufen. Und dass eben jemand nachgeht. Manchmal bin ich sicher zu Recht davon gelaufen, manchmal war ich selber schuld. Wenn Jesus in zwei schönen Gleichnissen ausdrückt, wie Gott uns Menschen nachgeht, dann denke ich an diese Erfahrungen aus meiner Kindheit, wie gut es tut, seinen Ärger auch herauslassen zu können, einmal alleine mit jemandem zu reden. Wir wissen nicht, warum das eine Schaf verloren gegangen ist … hat es sich verirrt, ist es bewusst davon gelaufen. Es ist nicht wichtig, zu beurteilen, ob jetzt jemand ein großer oder kleiner Sünder ist und wer nun tatsächlich Schuld hat. Es ist wichtig, zu ihnen zu gehen. Als Christen sollen wir gerade zu denen gehen, mit denen wir zerstritten sind. Als Kirche zu denen, die am Rand stehen, weil sie meinen, in einer Lebensform zu leben, die von uns nicht gutgeheißen wird. Und wie meine Mama damals handeln: nicht mehr lange diskutieren, sondern einfach in den Arm nehmen.
P. Franz Ackerl, veröffentlicht im Neuen Volksblatt vom 10. Sep. 2016

Evangelium – Lukas 15,1-10
Alle Zöllner und Sünder kamen zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren. Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte. Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
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