Impressionen aus Irland

Wie geht es der Kirche und den Ordensleuten in Irland? P. Bernhard berichtete für die Facebook-Community von Treffpunkt Benedikt in fünf Teilen von seiner Reise in die Hauptstadt der grünen Insel. Hier gesamt zum Nachlesen.

Keine Angst vor Fragen

Bild261Ich war jetzt einige Tage in Dublin. Manche Leute fürchten sich vor dem Fliegen; ich liebe es geradezu. Gut kann ich mich noch an meinen ersten Flug erinnern – als 17-Jähriger flog ich mit einem Schulfreund nach Seattle. Ich saß am Fenster und schaute fast unentwegt hinaus. Über Grönland die riesigen Gletscher und Eisberge, über dem nördlichen Canada die weiten Wälder, dann die schneebedeckten Rocky Mountains. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: „Was immer ich mit Oti in Nordamerika noch erleben werde, schon alleine wegen diesem Flug hat sich die Reise ausgezahlt.“

So spektakulär war der Flug Wien-Dublin nicht. Unzählige Male bin ich nun schon geflogen, da legt sich die kindliche Neugier und Begeisterung. Aber dennoch, ich schaute die meiste Zeit aus dem Fenster: Wunderschön der Abflug IMAG0144über Wien, minutenlang konnte ich in Ruhe den ersten Bezirk ausmachen, einzelne Gebäude identifizieren, die im Geographiestudium durchgenommene Stadtstruktur nachvollziehen. Wie markant Schönbrunn aus der Luft ist, wie übersichtlich eigentlich die ganze Stadt, und dann doch die neuen Viertel, wie sie ausfransen und in den Wiener Wald vorstoßen. Die meiste Zeit ging der Flug dann über das Land, wo man von oben gut erkennen konnte, welche Landwirtschaft betrieben wird und wie sich Dörfer und Städte den landschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Auch den Abbau von Rohstoffen kann man von oben gut erkennen. Dann das Meer, Großbritannien (Liverpool war gut zu sehen, der Pilot wies uns extra darauf hin – in amerikanischen Flugzeugen hat man zur Orientierung eine Karte mit der aktuellen Flugroute vor sich) und schließlich der Anflug auf Dublin, ebenfalls bei klarem Wetter. Ich bin IMAG0775noch nie in Irland gewesen; sofort zog mich die wegen der hohen Regenmengen tiefgrüne Landschaft um Dublin in ihren Bann. – Jetzt sitze ich am Flughafen und warte auf meinen Rückflug. Was werde ich diesmal aus dem Flugzeug beobachten können? Sollte es bald nach Irland Wolken geben, bin ich auch nicht traurig; durch die Wolken zu fliegen und über den Wolken zu schweben hat seinen besonderen Reiz.

Ich habe praktisch immer einen Fensterplatz. Seit dem eindrucksvollen ersten Flug an die Westküste der USA frage ich beim Einchecken zumeist, ob ich einen Fensterplatz haben kann. Beim Hinflug nach Dublin sagte die Angestellte der irischen Aer Lingus „natürlich“, jetzt sagte mit irischem Akzent eine freundliche Dame:, „Of course, and I give you a window seat next to the emergency exit, then you can strech out your legs.“ Diese gute Behandlung ist wohl kaum darauf zurückzuführen, dass ich als Priester erkenntlich bin. Schon als Student bekam ich einen Fensterplatz, wenn ich danach fragte. Deshalb: Keine Angst vor solchen Bitten. Die Airlines wollen ihre Kunden gut behandeln. Vielen Passagieren ist es egal, wo sie sitzen, manche wollen gar nicht am Fenster Platz nehmen, weil sie Angst vor dem Fliegen haben. Liegt Dir etwas daran, während des Flugs hinausschauen zu können, dann sag es doch auch!

Übrigens habe ich bei einem Atlantikflug während meines Studiums in den USA auch einmal gefragt, ob ich das Cockpit sehen kann. „Da muss ich zuerst den Kapitän fragen“, sagte die Stewardess von Lufthansa skeptisch. Lächelnd kam sie zurück und bat mich, mit ihr zu kommen. Einige Minuten saß ich dann hinter den Piloten und ließ mir einiges erklären. Das war Mitte der 1990er Jahre. Heute traue ich mich das nicht mehr zu fragen, da würde ich vielleicht als möglicher Attentäter gleich verhaftet und in ein irisches Gefängnis gesteckt. Noch dazu schaue ich mit meiner dunklen Haut ja schon fast so aus wie ein Orientale. Also werde ich mich wieder damit begnügen, einfach aus dem Fenster zu schauen und über Gott und die Welt nachzudenken.

Kirche im Niedergang

Am Flughafen Dublin wurde ich von Margarete Cartwright abgeholt. Das übliche „How are you?“ beantwortete ich erwartungsgemäß mit „Fine, the flight was great.“ Natürlich war ich jetzt an der Reihe zu fragen „How are you?“ Die Theologin blieb mitten in der Ankunftshalle stehen und erzählte mir traurig, wie sie gerade von einem Seminar an einem katholischen College der Universität Dublin kommt, das im Sommer schließen wird. „Vieles, was mit Religion zu tun hat, geht in Irland derzeit den Bach runter.“

Cartwright ist die Direktorin von Vocations Ireland, der Organisation für Berufungspastoral, die mich zusammen mit dem Institut für Spiritualität eingeladen hatte. Beim Abendessen mit typisch irischen Spezialitäten wurde ich auch gleich mit der tristen Situation der irischen Kirche vertraut gemacht. Die Ordensleute und Priester seien in die Defensive geraten, sie verstecken sich geradezu und kämpfen mit dem schlechten Image der Kirche, ja des christlichen Glaubens überhaupt. Michael O’Sullivan SJ erzählte mir, dass Studenten beim Speziallehrgang für Spiritualität das Wort „katholisch“ mitunter geradezu verabscheuen und sich von christlicher Spiritualität nicht viel erwarten, sondern auf andere Traditionen abfahren und ethische Auseinandersetzungen suchen.

Für mich war Irland gänzlich Neuland. Zwar wusste ich, dass die irische Kirche gehörig ins Taumeln geraten ist, aber was ich da hörte und in den nächsten drei Tagen erlebte, das hatte ich nicht erwartet. Irland, nie Teil des römischen Reiches gewesen, wurde ja sehr früh schnell missioniert, der heilige Patrick steht für diese Blüte ab dem Jahr 432. Die Wikinger (Normannen) plünderten ab 800 immer wieder die wohlhabenden Klöster, durch die Zisterzienser kam es ab 1142 zu einer neuen Klosterkultur. Von daher ist auch verständlich, dass es nur ein einziges Benediktinerkloster gibt (Glenstal), aber etliche Zisterzienser- bzw. Trappistenklöster.

Ab dem 16. Jahrhundert kam es zu teilweise harter Verfolgung der katholischen Iren im jahrhundertelangen Kampf gegen die englische, d.h. protestantische Besatzungsmacht. Oliver Cromwell (+1658) versuchte etwa, die englische Herrschaft über Irland mit grausamen Mitteln zu festigen; 20% der irischen Bevölkerung starben. Die katholische Tradition wurde systematisch zerstört, Kirchen wurden abgerissen, kirchliches Eigentum konfisziert. Die Ermordung unzähliger Priester hat sich ebenso ins Gedächtnis der Iren eingeprägt wie die Ausrottung ganzer Konvente. Nur zu verständlich, dass sich starke Bande zwischen Irländern und ihrer katholischen Kirche in der Verfolgungszeit entwickelten. Bis vor kurzem war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Irland mehr als gespannt. Meine Gastgeber erzählten mir mit glänzenden Augen, wie sich Queen Elisabeth II im Jahr 2011 in Dublin für die englische Gewalt über die Jahrhunderte entschuldigte und dabei die richtigen Worte und Gesten fand.

Erst 1829 wurde den Katholiken wieder Zugang zu den öffentlichen Ämtern gewährt und ihnen das passive Wahlrecht zugestanden, bis 1868 war die protestantische Church of Ireland Staatskirche. Nun war die Kirche frei – Priester oder Ordensfrau zu werden war ein Statusgewinn, die katholische Kirche war plötzlich die vom Staat bevorzugte Konfession. Für das Verständnis der heutigen religiösen Landschaft ist es wichtig, sich hineinzudenken, was dann geradezu die logische Folge war: Der katholische Glaube beherrschte alles, wurde zuweilen auch als oppressiv erlebt. Die irische Selbständigkeit ging einher mit der Hegemonie der katholischen Kirche, die naturgemäß auch eine (aus heutiger Sicht intolerante) Kontrolle des sozialen Verhaltens ausübte. Kirchenkritiker sprechen heute von der jahrzehntelang eingeimpften Angst, zu sündigen, besonders hinsichtlich des sechsten Gebots. Mir sagten Theologen dagegen, dass die vergangenen 150 Jahre in der öffentlichen Meinung zu negativ und auch falsch gezeichnet würden; sie und ihre Familien hätten den Glauben immer als Angebot und in großer Freiheit erlebt. Und man dürfe doch nicht die enormen caritativen, bildungsmäßigen und seelsorglichen Einsätze so vieler Priester und Ordensleute über die Jahrzehnte schlechtreden. Aber dennoch dürfte etwas an der Kirchenkritik dran sein und uns einmal mehr zeigen: Wo die Kirche allzu mächtig wird, im gesellschaftlichen und staatlichen Bereich Vorherrschaft beansprucht und ausübt, folgt eine Welle der Säkularisierung. Je katholischer ein Land, desto deutlicher die Abwendung vom Glauben unter heutigen pluralistischen Bedingungen. Das lässt sich schon seit der Französischen Revolution in Frankreich beobachten, gemildert seit der Aufklärung auch bei uns, nun in Irland und vielleicht auch schon in Polen (obwohl gerade dort die Kirche eine Kirche des Volkes im besten Sinn war und in kommunistischen Zeiten als Hort der Freiheit erlebt wurde).

Nun hat sich die irische Gesellschaft in den letzten Jahren rasant geändert, die Kirche dagegen kaum. Tony Flannery schreibt in seinem Buch The Death of Religious Life, das ich mir in Vorbereitung auf meine Vorträge in Irland angeschaut habe: „It would appear to be true that the larger an institution, and the longer and more glorious its lifespan, the more inadequate it is in the face of change.“ Das erlebt derzeit die irische Kirche: Aus einer triumphalen Haltung heraus erscheint sie plötzlich als veralteter Dinosaurier, der sich schwer in seiner neuen Umgebung zurechtfinden, geschweige denn wohl fühlen kann. Gerade von der Jugend wird die Kirche als abgehoben, out of touch erlebt. Einige in den Orden und Pfarren benehmen sich noch immer so, als hätte sich nichts geändert und wäre nur die Gesellschaft in die Irre gegangen und man brauche nur zu warten, bis sie reumütig zurück kehre.

Irland – drastisch die Glaubenserosion in den Familien; der Glaube ist fast nur durch Religionslehrer präsent – und das sei problematisch, denn „faith is caught, not taught“, schreibt John Littleton im Buch Contemporary Catholicism in Ireland: A Critical Appraisal. Er ruft in Erinnerung, dass man den Glauben im täglichen Leben übernehmen und einüben muss, nicht nur in zwei Religionsstunden; Lehrer, Katechisten und Priester können zumeist nur aufnehmen und formen, was bereits zuhause praktiziert wird. So steht Irland in Sachen Religion in gewisser Weise wieder am Anfang und muss schmerzlich erleben, dass eine Hochphase der Glaubenspraxis oft einen umso drastischeren Niedergang nach sich zieht.

Im modernen Dublin

UnbenanntDie Leute in Irland sind natürlich mehrheitlich katholisch, aber das vermittelte Lebensgefühl zeigt, dass man gut ohne Religion und vor allem ohne Kirche auskommen kann und möchte. Da braucht man nur zweimal in der bunten Hauptstadt auf- und abzugehen, ein Theaterstück eines irischen Autors besuchen (ich sah mir John B. Keanes Stück The Matchmaker im Gaiety Theatre an; kaum verwunderlich hatte es antiklerikale Untertöne) oder sich von Ordensschwestern erzählen lassen, dass für viele Menschen die Arbeit einer ganzen Schwesterngeneration diskreditiert sei, weil einige Schwestern als hart erlebt wurden und (zumeist physische) Gewalt gegenüber jungen Leuten ausübten. Das schlechte Image der Kirche zeigt sich etwa in Privatschulen, für die das Wort „katholisch“ mehr Hindernis als Werbung ist, während bei uns oder in den USA eine katholische Schule gerne auch von Eltern in Anspruch genommen wird, denen der Glaube eigentlich egal ist. Die Krise der katholischen Kirche in Irland hat ein Signalwort: abuse. Der Kindermissbrauch hat eine Lähmung herbeigeführt – z.T. selbstverschuldet, weil nicht offensiv und selbstkritisch mit diesem Thema umgegangen wurde, sondern sich die Kirche lange vor der offenen Auseinandersetzung drückte und sich zu verschanzen versuchte. So ist der Staat aktiv geworden: Im Exerzitienhaus der Karmeliten, wo ich eine eigene Eremitage im Garten bekam, sah ich bei der Rezeption einen Stoß von Zetteln liegen, die auflisten, was zum Schutz von Kindern getan wird und von kirchlichen Mitarbeitern einzuhalten ist. Das ist ein konkretes Beispiel einer gegenüber katholischen Einrichtungen verordneten child protection policy, auch wenn es kein Indiz dafür gibt, dass Ordenshäuser gefährlicher für Kinder und Jugendliche wären als andere Institutionen (im Gegenteil wird davon ausgegangen, dass in kirchlichen Institutionen es zu weniger Übergriffen kommt als in Vereinen oder staatlichen Einrichtungen). Jedoch muss man die Skandalisierung der Kirche in diesem Bereich vor dem Hintergrund der im letzten Impuls (Irland II) dargelegten religiösen Entwicklung Irlands sehen, die nach der Bestimmung und Reglementierung der Gesellschaft durch die Kirche einen z.T. heftigen anti-katholischen Affekt in der Öffentlichkeit brachte. Was für die Kirche noch schwerer wiegt ist die tiefe Enttäuschung vieler gläubiger Menschen über die Schattenseiten einer starken Kirche, die sich jetzt plötzlich als gedemütigt und schwach erlebt.

Ich hatte einen Studientag für Vocation Directors zu halten. Über 70 Verantwortliche für die Berufungspastoral von verschiedenen Orden waren aus ganz Irland angereist, was für das Interesse an einem Neuaufbruch spricht; selbst die Organisatoren waren erstaunt. Ein Schulorden, der durch den Missbrauchsskandal schwer getroffen war, war das erste Mal seit Jahren wieder bei einer solchen Konferenz vertreten; der Ordensbruder wurde überschwänglich im Kreis der anderen Ordensleute willkommen geheißen. Es war nicht unser Thema, aber in den Pausengesprächen und informellen Unterhaltungen habe ich gespürt, wie viel Kraft und Geduld den irischen Ordensleuten die Ablehnung in der Gesellschaft kosten muss. Es wurde davon gesprochen, nicht im Missbrauchsthema stecken zu bleiben und sich als Opfer einer unfairen Kampagne zu sehen sowie angesichts des Desinteresses gegenüber Religion doch keine Angst davor zu haben, selbstbewusst mit der eigenen katholischen Ordensidentität aufzutreten. Bei der allgemeinen Resignation, besonders der Schul- und Krankenhausorden, ist gerade in den monastischen Gemeinschaften auch manche Erweckung zu verzeichnen. So erzählte mir die Novizenmeisterin der Trapistinnenabtei von Glencairn, dass ihre Zimmer ausgebucht sind und viele junge Frauen mit ihnen in Kontakt stehen und ihrem strengen Leben viel abgewinnen können.

Es war spannend für mich zu erleben, wie die für die Zukunft ihrer Orden engagierten Schwestern, Patres und Brüder bereit für einen Wandel sind. Für sie zählt nicht, ob die Kirche und ihre Institutionen so weitergehen wie bisher, sondern ob das Reich Gottes aufstrahlt. Die neue Rolle der Kirche in einer Welt, in der der Glaube nur eine frei gewählte Option ist und nicht mehr verordnet werden kann (auch nicht soll), wird nicht selten als Befreiung zum eigentlichen Sinn des Evangeliums und der Nachfolge Jesu gesehen. Sollten wir die Marginalisierung christlichen Glaubens und kirchlicher Kultur, die offensichtlichen Abbrüche und auch schmerzlichen Umbrüche nicht vor allem religiös deuten, von Gott her, als Ruf zur Umkehr? Dann setzen wir nicht zuerst auf die eigene Stärke und eine angeblich glorreiche Vergangenheit, sondern dürfen die Gegenwart als brüchig annehmen und die Zukunft dann gemeistert sehen, wenn wir im Heute Gott ins Zentrum stellen und entdecken, wie er im Leben unserer Zeitgenossen sich wirkt.

Bewegung kommt auch durch eine neue Apologetik, die Verteidigung des Glaubens. Gerade aktive Laien in der Kirche erheben ihre Stimme gegen unfaire Kirchenkritik in der Öffentlichkeit. Z.B. sah ich in einer irischen Zeitung einen Bericht über einen Vortrag der engagierten Katholikin Nuala O’Loan am Boston College (USA) zum Thema des Katholizismus in Irland. Sie wurde mit diesen kritischen Worten zitiert: „Papers like The Irish Times now run columns in which things are said about and imputed to Catholics which would not be tolerated in the context of Islam or Judaism, or of homosexuals or humanists.“ Sie spricht von einem „lack of understanding of what Chatolicism is about“ und davon, dass die Medien eine anti-katholische Grundhaltung fördern würden. Solche Stimmen finde ich auch für uns in Österreich interessant: Wir können einerseits die sich ändernde religiöse Lage zur Kenntnis nehmen und darin sogar die Hand Gottes erkennen, aber dennoch unserer Zeit den Spiegel vorhalten: Über eine Partei, einen Fußballverein oder die Homo-Lobby könnte man sich nie in der Öffentlichkeit derart undifferenziert und abwertend äußern, wie dies über die katholische Kirche und ihre Vertreter gang und gäbe ist. Die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen und selbstkritisch die Säkularisierung auch auf die kirchliche Dominanz vergangener Zeiten zurückzuführen bedeutet nicht, kleinlaut werden zu müssen und seine Identität als Christin oder Pater verstecken zu brauchen.

Der Verlust des Heiligen

Zwischen den einzelnen Veranstaltungen zeigten mir meine Gastgeber so quasi im Vorbeifahren Dublin, eine Stadt, in die ich mich zwar nicht schnell verlieben würde, deren pulsierendes Leben mich aber beeindruckte. Einen Vormittag konnte ich ganz frei durch die Straßen schlendern. Natürlich wollte ich mir die großen Kirchen im Zentrum ansehen. Als erstes stolperte ich in die Christ Church Cathedral; sie ist nach wie vor protestantisch. Gleich zu Beginn störte mich der Eintritt, der ausnahmslos verlangt wurde, auch für die, die nur zum Beten kamen. Dafür erhielt ich ein Faltblatt, anhand dessen die Geschichte und Architektur gut zu erschließen waren. Beeindruckend die Krypta, die sich seit dem 12./13. Jh. unter dem gesamten Kirchenschiff erstreckt. Allerdings lässt dieser weitläufige, unterirdische Raum wenig sakrale Stimmung aufkommen: Es findet sich ein Filmraum über die Geschichte der Kathedrale, ein Kiosk und Toiletten. Sonst waren noch Vitrinen aufgestellt, wie in einem Museum.

In der St. Patrick’s Cathedral würde es wohl anders sein, dachte ich. Doch auch hier war ein hoher Eintritt gefordert, um überhaupt in den Kirchenraum zu gelangen. Irgendwo stand, dass ich mit meiner Spende notwendige Renovierungsarbeiten unterstützen würde. Ich dachte eine Spende wäre freiwillig?! Und mir ist es lieber, eine Kirche ist baufällig, aber dafür frei zugänglich. Der gesamte hintere Teil der Kirche war neben WCs in Containerform von einem großen Kiosk eingenommen, bei dem man auch kitschige irische Souvenirs erwerben konnte. In der Kirche selbst war es laut; jemand saß sogar in einer Kirchenbank und aß ein Sandwich. Zufällig kam ich drauf, dass auch diese Kirche der Church of Ireland gehört, irrtümlicherweise hatte ich angenommen, St. Patrick’s Cathedral wäre katholisch. Irgendwie war ich erleichtert. Ich hatte mich schon mit dem Gedanken getragen, von zuhause aus dem Bischof zu schreiben, dass ich als österreichischer „Wandermönch“ in der Bischofskirche von Dublin das nicht erwartet hätte.

Ich gehe ja gerne zu protestantischen Gottesdiensten und schätze dort vieles, z.B. die guten Predigten, die großartige Musik, die aufwendige Liturgie, gerade im anglikanischen Ritus. Katholische Gottesdienste kommen mir dagegen oft sloppy vor, zu wenig feierlich und irgendwie schlampig. Was ich bei katholischen Gotteshäusern aber schätze: Sie sind meistens offen; sie bergen eine Atmosphäre des Heiligen; Menschen beten dort, zünden Kerzen an, knien sich vor dem Tabernakel nieder. In den beiden protestantischen Kathedralen Dublins war davon keine Spur: Es wurde laut gesprochen, Handel getrieben, kaum (außerhalb der Gottesdienste) gebetet. Möge uns dieses Schicksal erspart bleiben!

In eine andere Zukunft

Irland hat eine reiche und abwechslungsreiche Geschichte. Der katholische Glaube wurde Jahrhunderte lang verfolgt, dadurch erst recht zur Identität der unterdrückten Iren, schließlich zugelassen und zur allgemeinen Norm. Noch heute geht ein Drittel der Iren wöchentlich in die Kirche, was neben Polen einzigartig in Europa ist. Dennoch ist der Wandel spürbar – in den 1970er Jahren waren es noch 90% Messbesucher. Die Jungen wenden sich ab, aber auch Senioren treten aus der Kirche aus. Das Land, das im 19. und 20. Jahrhundert unzählige Missionare in alle Welt schickte, ja ein eigenes Priesterseminar für Geistliche hatte, die nach ihrer Weihe in die USA gingen, hat heute verglichen zu früher kaum noch geistliche Berufungen.

Innerhalb weniger Generationen kommt es zu einer Erosion des Glaubens: „It appears that many Irish Catholics believe in Jesus in the same way that Hindus believe in Gandhi, as an interesting historical figure who said inspiring things.“ Das schreibt Jon Anderson in seinem lesenswerten Artikel „Post-crash Ireland desperately needs faith“, erschienen im Catholic Herald Magazine vom 8. Mai 2015 (http://www.catholicherald.co.uk/commentandblogs/2015/05/07/post-crash-ireland-desperately-needs-the-faith/)

Dublin gerät ins gleiche post-religiöse Fahrwasser wie London, Paris oder Berlin. Irland gleicht sich der europäischen Normalität an. Der Abbruch ist auf der grünen Insel deshalb so deutlich, weil er von einem hohen Grad an Kirchlichkeit und religiöser Praxis ausgeht und innerhalb weniger Jahre passiert. Was hier abbröckelt, betrifft näher betrachtet vor allem eine bestimmte Form von irländischem Katholizismus. Anderson bemerkt, „the Irish Church is in some ways a creature of 19th-century nationalism“. Mit ihrem engen Netz konfessioneller Schulen und aktiven Pfarren war die Kirche eine parallele Gesellschaft oder auch Teil der Gesellschaft schlechthin. Schwer wiegt, dass kirchliche Organisationen einen guten Teil der Immobilien und finanziellen Beteiligungen des Landes für sich beanspruchten. Zu eng mit dem Reichtum einer Zeit verschwistert zu sein, tut der Kirche nicht gut. Der katholische Glaube passt im 21. Jahrhundert nicht mehr als die einheitsstiftende nationale Identität und mächtige Institution, sondern er muss – wieder – eine Option sein, der sich jeder frei zuwenden kann. Damit ist er auch ein Stück weit von einer politischen Vereinnahmung und ideologischen Instrumentalisierung befreit. So kann die Kirche auch wieder Alternative und Kontrast sein – zugleich aber muss sie aber auch für die Gesellschaft weiterhin eine einheitsstiftende Wirkung haben und öffentlich zugänglich und für heute anschlussfähig sein. Eine schwierige Stellenbeschreibung.

Wir sprechen deshalb von Krise, weil das nicht so ohne weiteres und ganz leicht geht. Ich denke an das Treffen mit der erweiterten Ordensleitung einer der größten Schwesterngemeinschaften Irlands, den sog. Presentation Sisters, die auch ihren weltweiten Sitz in Irland haben. Dieser Orden hat seit drei Jahrzehnten praktisch keine Neueintritte mehr. Kurzerhand musste ich umdisponieren. Mein Vortrag über Berfungspastoral machte doch unter diesen Umständen nur bedingt Sinn. Es geht hier nicht primär um neue Berufungen für diesen Orden, sondern zuerst einmal darum, den Wandel zu akzeptieren. Ich war beeindruckt von diesen klugen und einfühlsamen älteren Schwestern, wie sie in Dankbarkeit die große Vergangenheit ihres Ordens in Gottes Hände zurücklegen können, ohne Ressentiments gegenüber unsere Zeit, in der halt die jungen Frauen nicht mehr so leben wollen wie sie. Und dann kamen wir auf Ideen, wie der Kontakt zwischen Jugend und alten Konventen hergestellt werden kann – ohne dem Zwang, dass dann auch einige junge Frauen doch ins Noviziat kommen müssten: Neben dem Bürogebäude des Ordens, wo wir zusammen waren, ist eine Schule, in der keine Schwester mehr unterrichtet, auf der anderen Seite ein Altersheim für die Schwestern. Wie wäre es, wenn im Unterricht die Mädchen die alten Schwestern kennen lernen und ihre Lebensgeschichte erfahren? Oder sollten nicht junge Frauen aus Irland Schwesternkonvente in Entwicklungsländern besuchen können, ein Praktikum dort machen und so die Kirche neu kennen lernen?

Ich nehme mir mit, was in den vielen Gesprächen für mich so deutlich wurde: Doch nicht den Untergang nur zähneknirschend verwalten oder gar am status quo verbissen festhalten! Schauen, was alles Gutes geschieht, und nicht ständig mit früheren Zeiten vergleichen. Früher war es so, und jetzt ist es eben anders. Sehen, was sich neu entwickelt! Ein Ordensmann sagte in einer Diskussion: „If you want to walk on the water, you have to get out of the boat.“ Also, wir müssen uns bewegen und aus der Sicherheit aussteigen. Wir dürfen auch akzeptieren, dass eine Gesellschaft gut ohne Religion und Kirche zurechtkommt; vielleicht entsteht da eine neue Grundlage, sich wieder unbefangen dem Glauben zuzuwenden. Schließlich: Laien sind interessiert an der Spiritualität der Orden. Leute, die oft von der Pfarre kaum noch etwas erwarten, wollen an eine Ordensgemeinschaft angebunden sein; für sie ist dann das Kloster oder die Jesuitenresidenz geistliche Heimat: in Irland oder in Österreich – inmitten eines tiefgreifenden Wandels, an dessen Ende eine erneuerte Kirche stehen wird.

Einer der Vorträge von P. Bernhard in Dublin wurde von den Jesuiten mit einem Bericht ins Internet gestellt:

http://www.jesuit.ie/news/21241/

bzw.

https://soundcloud.com/jesuits-in-ireland/young-people-and-religious-life