Lob des frühen Morgens

Gedanken zum Pfingstmontag

Was beutet Ihnen eigentlich die Morgenstunde? Vielleicht ist dieser Pfingstmontag eine Gelegenheit, sich Gedanken zu machen, wann Ihre kreative Zeit der Ruhe und Reflexion sein könnte.

Im Kloster beginnen wir jeden Tag um 6 Uhr früh. Auch gestern und heute war zu dieser Stunde schon das Morgengebet. Wir stehen freiwillig so bald auf, weil der Morgen eine besondere Zeit ist. Wenn möglich stehe ich bereits um 5:05 auf, um vor dem gemeinsamen Gebet bereits für mich allein zu sein, etwas zu lesen, zu beten, nachzudenken. Die Morgenstunden sind für einen Benediktinermönch entscheidend.

Kürzlich las ich ein Interview mit der Schauspielerin Jeanette Hain, die ungefähr so alt ist wie ich. Sie sagte etwas über den frühen Morgen, wovon ein Mönch nur lernen kann: „Eigentlich bin ich ein ziemlicher Eremit. Wenn ich morgens um vier Uhr aufstehe, dann passiert etwas in mir, weil dann noch alles still ist. Mein Kind schläft, die Nachbarn schlafen, Berlin schläft. In diesen Morgenstunden ist meine Seele noch unberührt und ganz dünnhäutig. Wenn ich so den Einstieg in den Tag finde, zieht die Stille in mich ein und begleitet mich den Tag über. Insofern haben mich diese frühen Morgenstunden gerettet.“

Ich weiß, dass gerade für junge Leute der Abend alles ist. Der Morgen dagegen wird als Qual erlebt oder als Chance, endlich lange ausschlafen zu können. Vielleicht entdecken manche erst mit zunehmendem Alter den Kairos der Morgenstunde – ihren Weg zu jener Welt, die jenseits des Aussprechlichen liegt.

P. Bernhard Eckerstorfer, ORF 2016