Gott eintreten lassen

Gedanken zum Weihnachtsfest von P. Bernhard.

getragenAls mich vor zehn Jahren mein Mitbruder Bischof Richard Weberberger zum Priester weihte, legte er mir eindringlich ans Herz: „Sei offen dafür, was das heilige Volk Gottes dich lehrt.“ In der Tat erlebe ich seither, dass der Glaube so vieler unterschiedlicher Menschen mir Hilfe und Wegweisung für das eigene Leben ist. Als Priester darf ich Räume von Seelen betreten, die anderen verborgen bleiben. Ich bewundere oft Personen, die sich mir anvertrauen, wie sie ihr Leben gestalten, mit Enttäuschungen fertig werden, in Krankheiten standhaft bleiben. Auch ihr Ringen um eine lebendige Beziehung mit Gott durch viele Schwierigkeiten hindurch beeindruckt mich.

Im Advent habe ich mit vielen Schülern gesprochen. In der Aussprache oder Beichte erzählten sie mir von ihren Sorgen und Ängsten. Weihnachten versetzt sie in eine offene Haltung. Das merkte ich auch bei mehreren Schulgottesdiensten in den letzten Tagen: Die Ankunft Gottes unter uns in Jesus Christus beginnt uns zu verwandeln.

Besonders deutlich erlebte ich als Student die Macht des Weihnachtsfestes bei Obdachlosen meiner Heimatstadt Linz. Und dann als junger Priester in einer Strafvollzugsanstalt. Da wurde mir bewusst, dass sich Jesus Christus nicht scheut, sich durch die Eucharistie in die Hände von Menschen zu legen, die schuldig geworden waren; er möchte auch in ihnen geboren werden. Bei dieser Messe mit den Gefangenen habe ich wie nie zuvor verstanden, was Weihnachten bedeutet und dass der Herr auch bei mir eintreten möchte.

P. Bernhard Eckerstorfer, ORF 2015