Fremde aufnehmen?!

Predigt von P. Bernhard zum aktuellen Thema „Flüchtlinge“ im Advent 2015.

csm_Fluechtlinge1_047cb1af46Seit drei Monaten ist es das Hauptthema, das uns alle beschäftigt: Die Flüchtlingswelle. Ich habe angesichts der Unübersichtlichkeit und politischen Vereinnahmungen noch kein einziges Mal darüber gepredigt und erschrecke jetzt selbst über diese Nachlässigkeit. Denn in die Verkündigung gehört es doch auch, aktuelle Themen aufzugreifen und im Lichte der christlichen Botschaft zu beleuchten.
Wir können in diesem Advent nicht einfach von Stille und Freude und Erwartung sprechen. Zu groß ist die generelle Not und Verunsicherung. Angesichts so vieler Fragen und vehement vertretenen Meinungen sind natürlich auch meine Worte ein Wagnis und können allzu leicht einseitig interpretiert werden. Mir geht es aber gerade um das Miteinander und um eine vermittelnde Position, die Christen verschiedener Anschauungen vereinen kann. Was ich hier sage, ist jedenfalls nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber hoffentlich ein kleiner Anstoß.
Zuerst einmal: Die Welle an Hilfsbereitschaft. Beeindruckend, wie viele Menschen spontan helfen. Für mich sind das die Helden der letzten Monate. In einer Qualitätszeitung wurde der Bürgermeister von Kollerschlag portraitiert unter dem Titel „Der Mediator“. Für ihn ist es nicht leicht, hunderte Flüchtlinge in seiner Gemeinde zu betreuen, die täglich auf die Ausreise nach Deutschland warten. Der Widerstand im eigenen Ort macht ihm sichtlich zu schaffen. Der Journalist beschreibt die Stimmung während einer Ortsversammlung. Bürgermeister Saxinger sagt, er werde rassistische Beschimpfungen gegen Flüchtlinge nicht dulden und wird mit den Worten zitiert: „Wir können nicht den Krieg im Nahen Osten und auch nicht die Entscheidungen in Brüssel beeinflussen. Aber wir können hier etwas ändern und den Menschen in Not, so gut wir können, helfen.“ – „Es folgt nur ein verhaltener Applaus.“ – „Er selbst sehe es als Pflicht an, den Notleidenden zu helfen, und beruft sich dabei auf seine christlich-sozialen Werte“, heißt es in der Zeitung (Die Zeit vom 12.11.2015, S.14).

Die Kirche und die Flüchtlinge
Vor 1.500 Jahren schrieb der Heilige Benedikt in seine Mönchsregel: „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.‘ (Mt 25,35) Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern. Sobald ein Gast gemeldet wird, sollen ihm daher der Obere und die Brüder voll dienstbereiter Liebe entgegeneilen.“ (Regula Benedicti 53,1-3) Wir haben schon seit Jahren eine zehnköpfige afghanische Familie innerhalb der Stiftsmauern und seit Monaten Flüchtlinge in mehreren Pfarrhöfen aufgenommen, drei Häuser des Stiftes Kremsmünster sind in Vorbereitung für weitere Flüchtlinge. Vielleicht sind wir zu zaghaft und lassen sie zu wenig an uns heran. Jedenfalls stimmt es nicht, die Kirche würde nichts tun. 1/3 der Flüchtlingsbetreuung wird in Österreich von der Kirche geleistet, enorm viele Pfarren und Klöster haben ihre Pforten geöffnet. Schade, wenn einige Meinungsmacher ein sensibles Thema wie die Flüchtlingsfrage dazu nutzen, ihren Kirchenhass zu pflegen.
Ein Pfarrer erzählte mir vor einigen Tagen, wie plötzlich Leute aus seiner Gemeinde zum Pfarrhof kommen, die schon lange nicht mehr am kirchlichen Leben teilnehmen. Sie helfen wo es nur geht. Mir scheint, die Flüchtlingskrise kann unser bequemes, oft auf Abdeckung und Erhalt des status quo ausgerichtetes Kirchendasein aufbrechen. Ein Kommentator einer liberalen Zeitung bringt es auf den Punkt: „Die Humanisierung des Christentums durch Begegnung erreicht jetzt eine neue Stufe. Das Christentum wird diese neue Stufe erklimmen oder schweren Schaden nehmen.“ (Die Zeit, 8.10.2015, S.3) Der Flüchtlingsstrom – da sind wir gefordert und können uns bewähren, oder wir können auch die Chance vertun. Ich glaube wir müssen umdenken: Nicht wir und unser Sozialstaat Österreich ist ein Geschenk für die Flüchtlinge, sondern sie sind auch eines für uns.
Plötzlich ist Religion wieder in der Öffentlichkeit ein Thema, im guten und im schlechten Sinn. Uns tut es jedenfalls gut, wenn das Christentum von seiner Nabelschau weggelenkt und mit den wesentlichen Dingen des Lebens wieder mehr verbunden wird. Kardinal Christoph Schönborn hat sich klar zur Flüchtlingsaufnahme bekannt (er weiß es aus eigener kindlicher Erfahrung, was es bedeutet, vertrieben zu werden). „Solidarität kennt keine Obergrenze“, sagt er zurecht. Und er entgegnet der Angst vor der Islamisierung Österreichs sinngemäß: Wir brauchen gar keine Angst vor (islamischen) Flüchtlingen zu haben, weil die Kirche ihre missionarische Kraft entfalten wird.
Ich höre es von vielen Seiten und erlebe es bei den minderjährigen Flüchtlingen, die wir im Stiftsgymnasium mitlaufen lassen: Da sind die staunenden Augen und offenen Ohren muslimischer Einwanderer, die bitten, uns zu erklären, was sie in den Kirchen sehen und bei uns erleben. Sie fordern uns zum Bekenntnis heraus und fragen, was unsere christlichen Werte sind. Vorige Woche war ich bei einem katholischen Gebetskreis in Wien: Neben den österreichischen Studenten waren da 10 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, allesamt Muslime. Sie saßen hinten und beobachteten uns genau. Mein Impuls wurde auf Arabisch simultan übersetzt. Auch bei der Anbetung blieben sie. Und als wir besonders für die verfolgten Christen beteten, wurde auch das für sie übersetzt.
Das wirkt doch unbewusst: Die Christen in Österreich nehmen uns auf! Da sind viele in Pfarrhöfen untergebracht, wohnen also direkt neben einer Kirche; sie sehen Priester und Ordensleute, die sich um sie kümmern, gläubige Menschen, die sich für sie einsetzen; sie werden vertraut mit christlichen Symbolen. In einer Zeitung las ich: „Sie erzählen ihren Freunden daheim, wie das Leben auch sein kann, wie wenig ‚der Ungläubige‘ dem Bild entspricht, das man sich gern von ihm macht.“ (Die Zeit, 19.11.2015, S.4)

Ein weites Herz für verschiedene Meinungen
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Die großzügige Haltung gegenüber Flüchtlingen muss unsere Bewunderung finden – wie auch die Menschen, die hochherzig sagen: Alle, die wollen, sollen zu uns kommen. Da war anfangs denn auch die Euphorie über die Flüchtlingsströme, ich habe es in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ mitverfolgt. Schnell wurde die Angst vor Flüchtlingsströmen abgetan, warnende Worte als Fremdenhass diskreditiert. Jetzt bemerke ich einen Meinungswandel bei Journalisten und Intellektuellen. Interessant, dass der Herausgeber der liberalen „Zeit“ jüngst auf der Titelseite angesichts von einer Million Flüchtlingen in Deutschland unter dem Titel „In Grenzen willkommen“ schrieb: „Jeder weiß, dass es so nicht weitergehen kann und auch nicht weitergehen darf. Schon die Flüchtlinge, die jetzt da sind, sprechen in ihrer Mehrzahl weder Deutsch noch Englisch und können in den Arbeitsmarkt, wenn überhaupt, erst nach Jahren integriert werden. Dabei sind Zweifel an der Aussicht auf kulturelle Integration noch gar nicht thematisiert. Alle wissen das, aber nur wenige – und oft sind es die Falschen – wagen es, das Schreckenswort ‚Obergrenze‘ auszusprechen.“ Und dann die klare Schlussfolgerung: „Wir brauchen jetzt schnell ein Zeichen der Begrenzung, ein deutliches Signal in die Herkunftsländer der Flüchtlinge. Migrationsforscher wissen das längst und sagen das auch.“ (Die Zeit, 3.12.2015, S.1)
Und so interviewte die „Zeit“ den Migrationsforscher Demetrios Papademetriou, früherer Präsident des Migration Policy Institute in Washington, D.C. Er zeigte sich schockiert über die Meinung von Europäern, Wanderungsbewegungen könne man nicht beieinflussen. „Die Botschaft muss lauten: Kommt nicht! Wenn diese Botschaft nicht ganz klar wird, dann werden all diese Menschen auch weiter ihr letztes Geld ausgeben, sich schlagen und misshandeln lassen, alle Regeln missachten, ihre Gesundheit, womöglich ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen.“ Sein Vorschlag: Klarer Unterschied zwischen Menschen, die beschützt werden müssen, und solchen, die vor allem eine bessere wirtschaftliche Zukunft suchen; Sicherung der Grenzen, mitunter auch mit Zäunen; eine Pufferzone in der Türkei, im Libanon und Jordanien, wo Menschen vorübergehend leben und arbeiten können – das würde den Westen Milliarden gut angelegter Dollar kosten, hätte aber den Vorteil, dass gerade die jungen Tatkräftigen viel eher wieder in ihre Länder zum Wiederaufbau zurückkehren würden, als wenn sie in Europa aufgenommen werden; ein legales Einwanderungsprogramm für vielleicht eine halbe Million pro Jahr für Europa. – Selbst wenn das hart klingt, eine solche Meinung muss auch von bekennenden Christen vertreten werden dürfen, ohne gleich den Einwand des „Unchristlichen“ und „Unmenschlichen“ entgegengeschleudert zu bekommen.
Wir haben also eine schwierige Diskussion, in der Bürger und auch Christen durchaus unterschiedlicher Meinung sein können, weil es die sog. Experten ja auch sind. Was mir wichtig erscheint: Wir müssen beide Auffassungen stehen lassen können, ja möglichst wertschätzen: Wenn die einen sagen, alle Flüchtlinge seien willkommen, dürfen auch die anderen ihre Stimme erheben und sagen: Humaner wäre es, deutlich Grenzen zu ziehen, die Flüchtlinge im Nahen Osten großzügig zu unterstützen und nur legale Flüchtlinge einzulassen.

Was wir tun können
Entscheidend scheint mir: Wo immer jemand in der aktuellen Diskussion steht – die Flüchtlinge, die unter uns sind, dürfen nie diskriminiert werden. Selbst wenn jemand den relativ ungehinderten Zustrom der letzten Monate nicht billigt: Er darf das nie jene Menschen spüren lassen, die unter großen Opfern zu uns gekommen sind! Leider geschieht das, auch von Katholiken, die Angst um ihre Identität haben. Das aber würde einen „Kampf der Kulturen“ fördern, denn wenn sich die Flüchtlinge gerade von den praktizierenden Christen nicht angenommen fühlen, ist das der Nährboden für den radikalen Islam. Um den Clash of Civilizations zu vermeiden ist es auch richtig, flüchtende Moslems genauso zu behandeln wie flüchtende Christen, wie die Caritas es auch vormacht.
In der katholischen Laien-Gemeinschaft Sant’Egidio beindruckt mich, dass jeder einen Freund unter den Armen haben soll. Ich fragte mich schon öfters, wo denn bei uns die Armen wären und was das für mich bedeutet. Vor einigen Wochen fuhr ich in Norddeutschland mit einem kleinen Schuttlebus vom Bahnhof zum Benediktinerkloster Nütschau, wo ein Novizenmeistertreffen war. Mit mir im Kleinbus waren nur zwei Flüchtlinge aus Syrien. Der Fahrer herrschte sie in deutscher Sprache an, wohin sie wollen und warum sie das nicht klar sagen können. Ich vermittelte und unterhielt mich mit ihnen auf Englisch. Sie waren sichtlich froh, dass sie jemand ernstnahm, ja überhaupt wahrnahm. Nach dieser zehnminütigen Begegnung verabschiedeten wir uns herzlich, aus ihren Augen kamen die Worte: „Danke, dass Sie auf und eingegangen sind.“ Diese Begegnung hat mich beeindruckt, aber auch traurig gestimmt. Hätte ich nicht viel früher Flüchtlingen menschlich begegnen, sie in meinem Umfeld aufsuchen sollen?
So nehme ich mir vor, mich persönlich mehr um die 40 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zu kümmern, die in Kremsmünster untergebracht sind und zum Teil unsere Klosterschule besuchen. Sollte nicht jeder von uns einen Freund unter den Flüchtlingen haben, einen Flüchtling „adoptieren“? Wichtig dabei ist, die Flüchtlinge nicht zu idealisieren. Sie kommen mit Handy bei uns an, haben ihre Vorstellungen und Fehler, werden wie Österreicher vereinzelt auch Straftaten begehen.

Was können wir nun als Kirche, als aktive Christen tun? Uns konkret und möglichst liebevoll um Flüchtlinge kümmern, sich für sie interessieren und sie Anteil nehmen lassen an unserem Leben. Uns umfassend und ausgewogen informieren – im Bewusstsein, dass wir turbulente Zeiten erleben, die unsere Aufmerksamkeit brauchen. Und uns vor schnellfertigen Urteilen und Verurteilungen anderer hüten – die derzeitige Lage ist unübersichtlich und braucht Gespür und Geduld.
Ich möchte schließen mit einem Merksatz: „In Notwendigem Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe.“ Dieses christliche Motto stammt vom Heiligen Augustinus. Er war Bischof im nordafrikanischen Hippo und ist 430 gestorben, am Beginn einer großen Völkerwanderung. Seinen Satz möchte ich uns allen für unsere Zeit ans Herz legen: „In Notwendigem Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe.“

Bilder: Jugendliche Asylwerber, die in der Betreuungseinrichtung für Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge im ehemaligen Gerichtsgebäude in Kremsmünster untergebracht sind und bei uns die Schule besuchen gemeinsam mit unseren Schülern.