Start der Ökumenischen Sommerakademie: Herantasten an eine zentrale Frage des Menschseins

„Warum Leid?“, ist die existentielle Frage, mit der sich die 17. Ökumenische Sommerakademie von 15. bis 17. Juli 2015 im Stift Kremsmünster auseinandersetzt. Die Veranstaltung wurde gestern mit 350 TeilnehmerInnen eröffnet.

Siehe OÖ HEUTE vom 15.07.2015: hier
Leid zu erfahren und damit umzugehen, Leid zu ertragen und zu bewältigen, am Leid zu scheitern: Das sind existenzielle Grunderfahrungen jedes Menschen und gleichzeitig zentrale Fragen an Religion und Philosophie. Die Vorträge und Diskussionen der diesjährigen Ökumenischen Sommerakademie thematisieren aus verschiedenen Blickwinkeln vielfältige Aspekte dieses Themas.

2015_07_16_Sommerakademie Kremsmünster_2_Diözese Linz350 Interessierte stellten sich am ersten Tag mit renommierten Referenten der existentiellen Frage: „Warum Leid?“. Unter den Gästen waren Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft sowie VertreterInnen der VeranstalterInnen, etwa Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, der Innsbrucker Bischof Dr. Manfred Scheuer und der evangelisch-lutherische Bischof Dr. Michael Bünker vom Ökumenischen Rat der Kirchen, Generalvikar DDr. Severin Lederhilger, die Geistliche Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche A. B. Dr.^in Hannelore Reiner, Superintendent Dr. Gerold Lehner und Superintendentialkurator Johannes Paul Eichinger von der Evangelischen Kirche A. B. in Oberösterreich, der ehemalige Superintendent Mag. Hansjörg Eichmeyer und seine Frau Ulrike Eichmeyer-Schmid, die ehemalige Leiterin des Evangelischen Bildungswerks OÖ, die Vorstandsvorsitzende des Diakoniewerks Mag.^a Christa Schrauf, der Rektor der Katholischen Privat-Universität Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Bischofsvikar Mag. Maximilian Mittendorfer, der Präsident der Katholischen Aktion OÖ Dr. Bert Brandstetter, Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation Mag. Christian Haidinger, der Landesdirektor des /ORF/-Landesstudio Oberösterreich Mag. Kurt Rammerstorfer und OÖN-Chefredakteur Mag. Gerald Mandlbauer.
Moderiert wird die Veranstaltung von Dr. Helmut Obermayr, Mitbegründer der Ökumenischen Sommerakademie und langjähriger ehemaliger Landesdirektor des ORF-Landesstudios OÖ.

2015_07_16_Sommerakademie Kremsmünster_1_Diözese LinzIn seinen Begrüßungsworten betonte Hausherr und Gastgeber Abt Mag. Ambros Ebhart vom Stift Kremsmünster, die Tatsache des Leidens bleibe unerklärlich und sei letztlich nicht zu verstehen, sondern zu bestehen – „im Blick auf das Kreuz und in der Hoffnung auf die Auferstehung“. In offenen Worten schilderte Abt Ambros die schmerzhafte Tatsache, dass im Stift Kremsmünster das Leid von Menschen über Jahrzehnte nicht wahrgenommen worden sei. „Das Aufzeigen von Leid kann ein Beitrag sein, Geschehenem Raum zu geben und dadurch für die Zukunft zu lernen.“

Mitgehen in Empathie und Solidarität

Der Rektor der Katholischen Privat-Universität (KU) Linz, Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, bezeichnete die Frage nach dem Leid als eine der bedrängendsten, unstillbarsten Fragen der menschlichen Existenz. Religion, Kunst, Wissenschaft und Philosophie kämen an dieser Frage nicht vorbei. „Die Theologie hat nicht nur sinnvolle und lebensfördernde Antworten auf diese Frage gegeben – nicht selten hat sie versucht, die Frage durch einen rein rationalen Zugang zum Verstummen zu bringen“, so Gruber kritisch. Dass es keine wirkliche Antwort auf diese Frage gebe, bedeute allerdings nicht, dass diese Frage nicht präsent bleiben müsse oder dass der Umgang mit Leidenden von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. „Es braucht ein Mitgehen in Empathie und Solidarität – und es muss immer gefragt werden, welches Leid gemildert oder verhindert werden kann“, so der Dogmatiker.
Aushaltendes Schweigen als Lichtspur zum Verstehen

Generalvikar DDr. Severin Lederhilger meinte in seinen Eröffnungsworten, beim Thema Leid könne man sich nicht mit einem rationalen Diskurs begnügen, denn „Leid trifft jeden und jede von uns auf existentielle Weise“. Niemand könne einem anderen Menschen dessen Leid abnehmen, entscheidend sei letztlich, wie ein Mensch sein Leid trage, eingespannt zwischen Resignation und Aufbegehren. Die Pathodizee, geprägt von Viktor Frankl, erkenne den Sinn von unabänderlichem Leid in diesem Wie, das eine Antwort auf das Wozu gebe. Die Leidfrage bzw. eine Antwort darauf könne nie zur Gänze beleuchtet werden, so Lederhilger, aber „authentisches, betroffen-aushaltendes Schweigen – auch im Glauben – kann vielleicht eine Lichtspur zum Verstehen und Aushalten sein“.

Mensch sein heißt (mit)leiden

Der Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. in Österreich, Dr. Gerold Lehner, lud in seinen einführenden Worten zu einem Perspektivenwechsel ein. Bei der Leidfrage scheine der Ausgangspunkt klar: Leid sei nicht gut, sei schmerzhaft, Leid müsse überwunden werden. Es gebe jedoch Risse in dieser argumentativen Mauer, so Lehner. Warum sonst sei von einem „leidenschaftlichen Menschen“ die Rede? In der Hingabe eines Menschen für eine Aufgabe oder für andere läge immer auch das Potential des Leidens. Die Fähigkeit, Leid zu empfinden und mitzuleiden, also empathisch zu sein, scheine mit dem Menschsein unmittelbar zusammenzuhängen. „Leid gehört zum Leben“, machte Lehner deutlich. In der christlichen Vorstellung von Gott, die sich in der Heiligen Schrift abbilde, sei Gott „ein leidensfähiger und leidender, weil liebesfähiger und liebender Gott“. Diese Liebe zur Welt und zu den Menschen bedinge eine Hingabe, die bereit sei, aus Liebe Leid auf sich zu nehmen. Lehner wörtlich: „Es ist die Berufung des Menschen, zu lieben und damit mitzuleiden, sich betreffen zu lassen.“
2015_07_16_Sommerakademie Kremsmünster_4_Diözese LinzUnterschiedliche Reaktionen auf Leid

Der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer, Vorstandsmitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, ging in seinen Eröffnungsworten darauf ein, was die Erfahrung von Leid in einem Menschen auslöse. „Leid kann der Nährboden von Hass und Rachegedanken sein, den Amboss des Atheismus darstellen, Aggressionen auslösen oder zur Flucht in die Oberflächlichkeit und Abstumpfung führen“, so Scheuer. Bei der Begegnung mit Not und Leid von AsylwerberInnen seien derzeit unterschiedliche Reaktionen zu erleben: Gastfreundschaft, Sympathie, Wegbegleitung und Engagement ebenso wie Angst und Ablehnung. „Vielleicht können diese Tage ein Baustein dafür sein, dass sich die Menschen in unserem Land gut leiden können“, so der Wunsch des Innsbrucker Bischofs für die Veranstaltung.

„Selber schuld“ bei Leid? 

Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer betonte in seinen Grußworten, die Ökumenische Sommerakademie bleibe ihrem Anspruch treu, komplexe, kontroversielle Themen zu erörtern. Das heurige Thema stelle eine besondere Herausforderung dar, so Pühringer. Der Mensch habe ein Bedürfnis nach Kausalität und stelle bei Leid sofort die Frage nach dem Warum – auch danach, warum Gott Leid zulasse. „Es geht um die Ursehnsucht des Menschen nach Glück, nach Unversehrtheit“, formulierte Pühringer. Die alttestamentliche Erzählung von Hiob, dem unschuldig Leidenden, habe den „Tun-Ergehens-Zusammenhang“ aufgehoben, der moralische Schuld und Leid in Verbindung bringe. Auch heute werde Leid oft sehr schnell mit „Selber schuld“ in Richtung des Betroffenen abgetan, so Pühringer. „Ein erheblicher Anteil des Leidens in der Welt ist vom Menschen verursacht – in seiner Freiheit, die ihm Gott gegeben hat und in der er das Gute vom Bösen unterscheiden kann.“ Es sei Auftrag von Kirche, Politik und Gesellschaft, Leid zu verhindern und ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen. Pühringer dankte allen, die Menschen in ihrem Leid nicht alleinlassen und sie begleiten, etwa in der Krisenintervention, im Hospiz- und Palliativbereich und in der Pflege.

„Die Beweispflicht trifft Gott und die Gläubigen, nicht die Atheisten“

DDr. Norbert Hoerster, emeritierter Professor der Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Mainz, referierte in seinem Eröffnungsvortrag über die „Unlösbarkeit des Problems des Übels“ aus philosophischer Sicht. Im Zentrum steht das sogenannte Theodizeeproblem, also die Frage: Kann man einen allmächtigen und allwissenden Gott, der eine Welt voller Leid bewusst erschaffen hat, vernünftigerweise als allgütig betrachten? Für Hoerster kein theoretisches Problem, denn: „Wie kann man einen Gott verehren und anbeten, ihm vertrauen und seine Hoffnung auf ihn setzen, wenn man nicht gleichzeitig von seiner Güte überzeugt ist? Die Allgüte ist meines Erachtens die für die religiöse Lebenspraxis wichtigste der göttlichen Eigenschaften“, so Hoerster. Der Philosoph untersuchte in seinem Vortrag die wichtigsten Versuche gläubiger Theisten, dieses Problem zu lösen. Bei unvoreingenommener Betrachtung hält er alle diese Versuche für gescheitert.

Zwar könne der Atheist, so Hoerster, die Unlösbarkeit des Theodizeeproblems nicht definitiv beweisen. Wohl aber könne er überzeugend darlegen, dass die bisherigen Lösungsversuche des Problems einer kritischen Prüfung nicht standhalten. Dabei stimmt Hoerster dem britischen Philosophen Bertrand Russel in der Sichtweise überein, dass die Beweispflicht nicht die Skeptiker und Atheisten trifft, sondern Gott und die Gläubigen. Dass die Unbegreiflichkeit des Leidens ein Stück der Unbegreiflichkeit Gottes sei, wie es etwa Karl Rahner formuliert, lässt Hoerster nicht gelten. „Wie kann man zu einem unbegreiflichen Gott beten? Das ist wiederum mir unbegreiflich!“ Hoerster sieht letztlich mit wissenschaftlichen Größen wie David Hume oder Albert Einstein keinen hinreichenden Grund dafür, Gott als allgütig zu betrachten. Für ihn ist „die Existenz eines allgütigen Gottes auch angesichts des Übels in der Welt logisch möglich – genauso aber die Existenz eines allbösen Gottes“. Er plädiert dafür, die Frage nach der „moralischen Qualität Gottes“ offenzulassen.

„Gott vor den Gerichtshof der Vernunft zu stellen, ist das Natürlichste überhaupt“
Prof. Dr. Magnus Striet, Professor für Fundamentaltheologie an der  Albert-Ludwigs-Universität Freiburg,*stellte in seinem Referat die Frage: „Hat Gott kein Erbarmen oder existiert er nicht? Gott vor dem Gerichtshof der Vernunft”

Ausgehend von Beispielen aus Film und Literatur stellte der Theologe die Frage: Kann es Gott geben angesichts der Verbrechensorte, die die Menschheitsgeschichte kennt, aber auch angesichts der Qualen, die die Evolution allem – auch dem menschlichen – Leben zumutet? Auch Striet ist der Ansicht: „Wenn man meint, Gott nur als den Inbegriff von Güte denken zu können, hat sich die Frage eigentlich erübrigt: Dann kann er eigentlich nicht existieren angesichts dessen, was Menschen haben erleiden müssen und bis heute erleiden – oder aber er hat keine Macht, einzugreifen. Aber was wäre das dann für ein Gott?“ Striet skizzierte die seit Augustinus lange Zeit vertretene These, Gott habe eine ursprünglich gute Schöpfung geschaffen; ausschließlich der Mensch (Adam) habe das Negative in die Welt gebracht. Zu Augustinus‘ Zeiten sei es undenkbar gewesen, eine Entscheidung Gottes zu diskutieren – eine Unverschämtheit gegenüber Gott. „Wer sich über das Leid eines anderem empörte, wollte sein wie Gott – und das war eine schwere Sünde“, so der Theologe. Erst im 19. Jahrhundert habe das Leiden Unschuldiger das Konstrukt von der Erbsünde als Ursache für das Leid in Frage gestellt. „Gott angesichts des Leids vor den Gerichtshof der Vernunft zu stellen, wie Kant es formuliert, ist nicht nur unvermeidlich, sondern das Natürlichste überhaupt“, stellte Striet klar.

Striets Position: „Wenn geglaubt werden kann, dass Gott in seinem Sohn als Mensch auf die Menschen zugegangen ist, dann hat er auch menschliche Erfahrungen gemacht, die er zuvor nicht hatte – bis hin zum gewaltsamen Tod. Fazit ist: Ein solcher Gott kann nicht allwissend sein – es braucht also einen anderen Gottesbegriff. Und auch wenn man Gott so denkt, bleibt er der Schöpfer des Himmels und der Erde, aber auch der Urheber aller Verderbnis.“ Es müsse in die eigene Erfahrung übernommen werden, dass Gott Unsägliches zulasse. „Wenn dieser menschgewordene Gott existieren sollte, dann muss auch gesagt werden, dass dieser Gott der Welt und ihren Geschöpfen unendlich viel zumutet“, betonte Striet. Gott selbst müsse erklären, warum er keine bessere Schöpfung erschaffen habe. Aber vielleicht habe er sich durch seine Menschwerdung fähig gemacht, sich am Ende der Zeiten zu rechtfertigen. Striet plädiert dafür, an der Hoffnung an einem Gott festzuhalten, der sich zu erklären, zu retten und zu versöhnen vermag. Denn die Alternative wäre die Selbstbegrenzung des Menschen auf ein sehr endliches Glück.

en Sommerakademie und langjähriger ehemaliger Landesdirektor des ORF-Landesstudios OÖ.