Von der Dunkelheit ins Licht

Impulse und Gedanken zur Karwoche im Kloster von P. Bernhard. Ausgestrahlt in den ORF-Regionalradios in der Karwoche 2015

sonnenfensterKarsamstag
Sie werden vielleicht überrascht sein: Der heutige Tag ist mir einer der Liebsten im ganzen Jahr! Es ist ein stiller Tag, eine ruhige Zeit voll des Wartens auf Gottes Eingreifen. Gestern hielten wir uns die Kreuzigung vor Augen, in der kommenden Nacht erschallt die Nachricht, dass Jesus lebt. Dazwischen Schweigen.
Unser Ordensvater Benedikt sieht vor, dass jeder Mönch in der Fastenzeit ein geistliches Buch liest. Ich beschäftigte mich mit den Gendanken von Blaise Pascal, den Pensées. Da heißt es über die Zerstreuung: „Lage des Menschen: Unbeständigkeit, verdrießliche Langeweile, Unruhe.“ Pascal trifft den Nagel auf den Kopf: „Nichts ist dem Menschen so unerträglich als ein Zustand vollständiger Ruhe, ohne Beschäftigung. Sein ganzes Unglück kommt daher, dass er nicht ruhig in einem Zimmer verweilen kann.“
Ja, wenigstens heute möchte ich der menschlichen Schwäche ausweichen, mich vordergründig abzulenken, äußerlich herumzustreunen, um nicht innerlich werden zu müssen. Pascal sagt auch, dass wir einen geheimen Instinkt haben, zufrieden daheim bleiben zu wollen – ohne Zerstreuung, „wie die Heiligen und Gott“.

Karfreitag
I
mmer wieder neu beeindruckt und inspiriert mich, dass in unserem Kloster durch die Jahrhunderte der Glaube lebendig geblieben ist. Im 8. Jahrhundert wurde die Abtei Kremsmünster gegründet und dem Welterlöser geweiht. Ja, 1.200 Jahre lang wird hier das Lob Gottes gesungen und der Tod wie die Auferstehung Jesu Christi verkündet.
Ich stelle mir vor, wie viele Mönche vor mir hier mit ihren Stärken und Schwächen gelebt haben. In der Gruft schaue ich mir die Totenschädel vergangener Jahrhunderte an und frage: „Habt auch ihr Zweifel gehabt und seid dem hohen Anspruch eurer Berufung zuweilen nicht gerecht geworden?“
Dieser Blick in die Vergangenheit gibt mir Mut. Ich stelle mich in die lange Reihe von Menschen, für die das Kreuz Zeichen des Lebens wurde. Wie unsere Vorgänger seit 1.200 Jahren werde ich heute mit meinen Brüdern beten, beim kargen Mahl im Kloster schweigen, um 15:00 die Passion aus dem Johannesevangelium hören, niederknien vor dem Kreuz. Ich bitte Gott, er möge mir und anderen beistehen. Und schon bald, in wenigen Jahrzehnten, werde auch ich ein vergangener Teil dieser Klostergeschichte sein …

Gründonnerstag
Ein Mitbruder aus meinem Benediktinerkloster hat mir einmal gesagt: „Von Jahr zu Jahr geht mir mehr auf, was wir zu Ostern feiern.“ Mir geht es ähnlich: Zum fünfzehnten Mal begehe ich im Kloster das Triduum Paschale, die Drei Österlichen Tage: Gründonnerstag, Karfreitag und dann – nach der Unterbrechung des Karsamstags –Ostersonntag.
Heute beginnen wir nicht wie sonst um 6 Uhr mit den Laudes, sondern wir feiern um 7 Uhr eine sogenannte Trauermette. Sie dauert über eine Stunde und wird in der Stiftskirche auch am Karfreitag und Karsamstag gehalten. Da beten wir Psalmen, und die Lamentationes werden vorgesungen, die Klagelieder des Propheten Jeremia: „Ach, wie einsam und verlassen liegt sie da, die Stadt Jerusalem. Darüber weine ich Tag und Nacht. Ach Herr, sieh doch, wie verzweifelt ich bin!“
Wenn ich das höre und innerlich mitbete, denke ich an konkrete Menschen. Ihnen ist Jesus besonders nahe, wenn er sich heute hingibt, einsam seinen Leidensweg am Ölberg beginnt. Diese Hingabe des Herrn wird mir auch vor Augen geführt, wenn einer von uns heute mit den Strafgefangenen in Garsten das Abendmahl feiert und der Abt zwölf Personen die Füße wäscht.

Mittwoch der Karwoche
In diesen Tagen kommen Menschen ins Kloster, die oft ihre Fastenvorsätze nicht halten konnten: Z.B. ein Mann, erfolgreich im Beruf, zufrieden mit seiner Familie. Vor dem Aschermittwoch hat er mir gesagt: „Diese Fastenzeit möchte ich nicht rauchen.“ Eine Woche später rief er mich verzagt an: „P. Bernhard, ich habe in den ersten Tagen der Fastenzeit mehr geraucht als sonst!“ Aber jetzt würde er es bis zum Ostersonntag sicher schaffen.
Gestern kam er zerknirscht zu mir: „Ich habe in all den Tagen der Fastenzeit mindestens so viel geraucht wie in den Monaten vorher.“ Der Mann kämpfte mit den Tränen. Bitter, sich so schwach zu fühlen: „Ich dachte nicht, dass ich mich so wenig in der Hand habe. Ich erlebe mich als erbärmliche Kreatur vor meinem Schöpfer.“
Eine gute, heilsame Erfahrung, dachte ich still bei mir und zitierte Paulus: „Wo ich schwach bin, bin ich stark.“ Da sagte der Mann nachdenklich: „Wenn ich nicht einmal 40 Tage vom Rauchen lassen kann, dann sollte ich verständnisvoller und barmherziger mit meinem Onkel umgehen, der Alkoholiker ist!“ Da dachte ich mir: Wo die Erfahrung von Unvermögen groß wurde, ist die Gnade übergroß geworden.

Dienstag der Karwoche
Unsere beiden Novizen erleben das erste Mal die Karwoche im Kloster. Als Novizenmeister darf ich sie auf ihrem Weg begleiten. Dabei lerne ich selbst den Reichtum unserer religiösen Tradition besser kennen. In einem Buch lasen wir kürzlich den Satz: „Trauer ist der Schlüssel zum geistlichen Leben.“ Wie denn das? Soll unser Glaube nicht Freude bringen?
Wenn jemand ins Kloster kommt, ist er voll von Idealen und meint vielleicht: „Wenn ich ein Ordensgewand trage und täglich stundenlang bete, dann wird das Leben und der Glaube leichter.“ Doch junge Schwestern und Brüder in den Klöstern lernen sich selbst besser kennen, ihre eigenen Schwächen – und die ihrer Gemeinschaft. Manches wird schwer – und gerade dadurch echt und von tiefer Freude erfüllt. Wahre Freude können wir uns ja nicht selber geben, sondern sie wird von einem Anderen geschenkt.
Zerknirschung und Buße, Weinen und Klagen machen uns nicht kleiner, sondern größer. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“, sagt Jesus (Mt 9,12). Und Franz von Sales meint: „Die Orden sind nicht dazu da, vollkommene Menschen zu sammeln, sondern Menschen, die den Mut haben, nach Vollkommenheit zu streben.“

Montag der Karwoche
Die Tage zwischen Palmsonntag und Karsamstag sind bei uns im Kloster besonders intensiv. Die Gebete sind anders, viele Menschen wollen gerade in diesen Tagen mit einem Priester sprechen.
Die Karwoche löst in vielen etwas aus. Das althochdeutsche Wort kara bedeutet Sorge, Kummer. Wieviel Sorge, wieviel Kummer erleben Menschen, die jetzt gerade diese Sendung hören?! Gut, dass die Kirche eine eigene Kar-Woche hat. Da dürfen wir unsere Dunkelheit zulassen. In unseren klösterlichen Gebeten ist zwar das Leiden im Zentrum; immer scheint jedoch in diesen Tagen bereits das Licht der Auferstehung durch. Christus bleibt nicht im Leid, sondern er besiegt den Tod – und zieht uns damit ins Leben. Das schon heute inmitten von Kummer und Sorge zu wissen, ist die Kraft des Glaubens.
Deshalb finde ich gut, dass die Kirche seit alters her von der Karwoche als Große oder Hohe Woche spricht. Auf Englisch heißt sie denn auch Holy Week, auf Französisch Semaine Sainte und auf Italienisch Settimana Santa. Wäre nicht diese Woche für Sie ein Anlass, die schmerzhaften Erfahrungen zuzulassen und so die großen Fragen Ihres Leben zu stellen?

Palmsonntag
Wie erlebe ich im Kloster die Karwoche? Der Palmsonntag bildet den Auftakt. Wie in Jerusalem stellen auch wir in Kremsmünster den feierlichen Einzug Jesu dar – mit einem lebendigen Esel. Der christliche Glaube muss gerade heute anschaulich sein.
Das erlebe ich auch bei jungen Menschen. Gestern kamen viele von ihnen zum Treffpunkt Benedikt. Wir haben den Kreuzweg gebetet, Messe gefeiert, uns mit der Passion Christi beschäftigt. In diesen Tagen kommen gerne Leute zu uns ins Kloster. Sie erwarten sich eine tiefgehende Vorbereitung auf Ostern.
Da ist die Wiener Studentengruppe, die dieses Wochenende bei uns mitlebt. Sie sagen, im Alltag vergessen sie oft, worauf es wirklich ankommt. Ich werde ihnen daher heute vormittag einen Impuls über die Gefahren der Zerstreuung halten und wie wir uns innerlich sammeln können – auch für mich eine ständige Herausforderung.
Kloster – ein Ort des Rückzugs, um zu sich selbst zu finden und auf die letzten Tage Jesu zu schauen. So kommen in den nächsten Tagen zig Männer zu Kloster auf Zeit.
Ich wünsche auch Ihnen, dass Sie in Abgeschiedenheit auf den Grund Ihres Lebens gehen.