„Neue Formen der Religion entdecken“

Soziologin Jonveaux über die neue Rolle von Klöstern und die Bedeutung des Internets für die Religion

Bei der Veranstaltungsreihe „Mehrwert Glaube“ hob die französische Soziologin Isabelle Jonveaux am 6. März hervor, dass der Glaube und die Kirche in einem neuen Licht gesehen werden müssen. In ihrem Vortrag beschrieb sie konventionelle Ansichten über die Religion, die in der Gesellschaft vorherrschen: „Die Kirchen sind leer und der christliche Glaube verschwindet“ oder „alle Mönche sind alt“. Zwar könnten Statistiken belegen, dass der Besuch des Sonntagsgottesdienstes zurück gehe und das Durchschnittsalter von Ordensleuten Westeuropa hoch sei. „Wenn wir nur auf sinkende Zahlen schauen, verpassen wir die Gelegenheit, zu sehen war neu wächst. Junge Leute gehen zwar weniger in die Pfarrkirche als ihre Großeltern, aber dafür suchen nicht wenige neue Formen der Gemeinschaft, wie Pilgerreisen, große Glaubensfeste oder Gebetsgruppen.“ In Frankreich würde es mittlerweile Mode für junge Katholiken sein, ein soziales Jahr in der dritten Welt zu verbringen.

Dr. Jonveaux, die derzeit eine Forschungsstelle an der Universität Graz hat, betonte: „Die jüngeren Generationen entscheiden sich heute vielfach bewusster als ihre Elterngenerationen für ein religiöses Leben, während dieses früher oft reine Konvention war. Junge Gläubige haben keine Scheu, ihren Glauben auch auf Pullover zu zeigen oder in Facebook dafür einzustehen.“ Die Soziologin sieht darin ein lebendiges, zukunftsträchtiges Zeichen für die Religion.

Für das Jahr der Orden stellte die Pariser Wissenschaftlerin heraus, dass Klöster Menschen anziehen, die sonst gegenüber institutionalisierter Religionsformen distanziert sind: „Wenn sich jemand ein Kloster ansieht, kommt er vielleicht aus Neugier oder aus touristischen bzw. kulturellen Gründen. Oft ergeben sich im Klosterladen oder bei einer Führung tiefgehende Kontakte zwischen Kirchenfernen und Ordensleuten.“ Jonveaux forderte eine weltweite Perspektive, um die Zukunft des Ordenslebens realistisch einschätzen zu können. Während hinsichtlich einer Ordenskongregation, mit der sich die Soziologin besonders beschäftigte, das Durchschnittsalter in Europa bei 62 Jahren liege, wären in Afrika die Mitglieder dieser Gemeinschaften durchschnittlich 42 Jahre und in Asien nur Jahre 40 alt.

IMG_6352Der qualitative Blick der Soziologie könne auch entdecken, wie Religionsgemeinschaften neue Wege beschreiten würden. Für die jungen Erwachsenen des Glaubensprogramms „Treffpunkt Benedikt“ erläuterte Jonveaux am Tag darauf, dem 7. März, ihre Forschungsergebnisse, die sie in ihrem letzten Buch „Gott online“ entwickelte (Dieu en ligne, Paris 2013). „Wie im alltäglichen Leben das Internet an großer Bedeutung gewonnen hat, so ist das virtuelle Netz ein unausweichlicher Weg für die Religion, besonders um die Jugend zu erreichen.“ Die sozialen Netzwerke würden zu einem Ort der Glaubensauseinandersetzung und auch der Seelsorge. Selbst in second life websites wie z.B. in der virtuellen Stadt „funcity.de“ gibt es die Möglichkeit, eine echte geistliche Begleitung mit realen Priestern und Ordensfrauen zu erhalten. „Aus Sicht der Soziologie ist das ein interessantes neues Wirkungsfeld für die Kirche und Orden. So werden Menschen erreicht, die nie in einem Pfarrhof anrufen oder an einer Klosterpforte anklopfen würden“, meinte Isabelle Jonveaux.

IMG_6355Den über 100 jungen Zuhörern von „Treffpunkt Benedikt“ legte Jonveaux nicht nur die Chancen des Internets nahe. In einer Befragung unter jungen Menschen habe sie erhoben, dass der bewusste Verzicht des Internetkonsums in den letzten Jahren gestiegen sei: „Angesichts der Risiken des übertriebenen Internetkonsums wird für junge Katholiken gegenüber früher wichtiger, in bestimmten Zeiten (Fastenzeit, während Exerzitien) auf das Surfen und die Kontaktpflege in sozialen Netzwerken zu verzichten – oder diese zumindest einzuschränken.“