Papst Franziskus will UNS in Frage stellen

Am 22. Dezember hielt Papst Franziskus eine vielbeachtete Ansprache vor seinen Mitarbeitern. Dass die klaren Worte unseres Heiligen Vaters nicht nur einigen wenigen gelten, brachte P. Bernhard in seiner Predigt am 4. Jänner 2015 zum Ausdruck. Hier die äußerst interessanten Gedanken zum Nachlesen.

rom1Kurz vor Weihnachten konnte man in den Zeitungen Schlagzeilen lesen wie: „Papst kritisiert Kurie“, „Papst diagnostiziert Kurie ‚Spirituelles Alzheimer‘“, „Papst Franziskus hat in seiner Weihnachtsansprache vor der Kurie kein gutes Haar am vatikanischen Personal gelassen“, „Papst geht mir römischer Kurie hart ins Gericht“ oder: „Papst erhebt schwere Vorwürfe gegen Kurie“.
Schade, dass die in der Tat klaren Worte von Papst Franziskus bei seiner Weihnachtsansprache im Vatikan so wenig für andere fruchtbar gemacht wurden. Selbst in Kirchenkreisen hörte ich, der Papst habe die vatikanische Kurie abgekanzelt und den Bischöfen und Prälaten die Leviten gelesen – fragte ich dann, woher man dieses Bild habe, sagten die Leute unisono: „Aus den Medien.“ Leider hat sich damals vor Weihnachten (verständlicherweise) keiner, der mir begegnete, die Mühe gemacht, den Text im Original zu lesen.
Ein Mitbruder gab mir den Text auf Italienisch – und ich war sogleich betroffen. Ein Beichtspiegel für mich und uns alle! Bald kam auch die deutsche Übersetzung der Ansprache von Papst Franziskus an die Kurie vom 22. 12. 2014 heraus. Es zahlt sich aus, diese ausführlich zu lesen. Nur Zitate herauszupicken und sie als abwertende Urteile über irgendwelche Leute im fernen Rom zu missbrauchen entspricht vielleicht unserer Zeit, immer gleich Schuldige und Böse zu finden, um selbst als Strahlemann oder –frau dazustehen. Das entspricht aber nicht dem Geist unseres Papstes, der ja bei verschiedenen Gelegenheiten die Menschen zum Nachdenken bringen möchte. Hier nun eine Auswahl von Passagen, die mir am Wichtigsten erscheinen:

Gewissenserforschung für den Leib Christi
Um die identifizierten Gefahren und möglichen Krankheiten richtig einzuordnen, ist der Rahmen wichtig, in den Papst Franziskus seine klaren Aussagen stellt: „Gott schenkt sich uns selbst. Das Geheimnis Gottes ist, dass er unsere menschliche Verfasstheit und unsere Sünden auf sich nimmt, um uns sein göttliches Leben, seine unermessliche Gnade und seine unentgeltliche Vergebung kundzutun. Es ist die Begegnung mit Gott, der in der Armut der Grotte von Bethlehem geboren wird, um uns die Macht der Demut zu lehren. Das Licht von Weihnachten wird von den armen und einfachen Leuten aufgenommen, die das Heil des Herrn erwarteten.“
Zu einer solchen Haltung wollte der Papst anregen – und er tat dies naturgemäß bei seinen engsten Mitarbeitern. Ihnen gab er „eine Anregung für eine echte Gewissenerforschung“. Es geht dem Papst also nicht um eine Zustandsbeschreibung, um eine Diagnose irgendeiner Gruppe in der Kirche, sondern um Gefahren, vor denen sich zuerst einmal seine engsten Mitarbeiter hüten sollten, aber alle im mehrmals zitierten „mystischen Leib Jesu Christi“. Es geht Papst Franziskus also nicht um Tipps für eine Gruppendynamik, sondern um eine spezifisch theologische Sicht, die er mit dem Bild vom Leib Christi vermitteln will: „Christus und die Kirche bilden somit den ganzen Christus-Christus totus. Die Kirche ist mit Christus eins.“
Welch eine hohe Berufung! So solle man sich „die Römische Kurie wie ein kleines Modell der Kirche vorstellen“, das heißt als einen „Leib“, der sich „ernsthaft und tagtäglich darum bemüht, lebendiger, heiler, harmonischer und mehr in sich und mit Christus geeint zu sein.“ Mir gefällt dieser Satz vom kleinen Modell der Kirche: Mein Kloster, unsere Schule, die Familien, die ich kenne, die Pfarren und Gebetskreise: Modelle der Kirche im Kleinen! Für sie alle gibt der Papst eine Steilvorlage: „Je inniger wir mit Gott verbunden sind, desto mehr sind wir untereinander geeint, denn der Geist Gottes eint, und der Geist des Bösen trennt.“ Deshalb sind wir als kirchliche Gruppen „berufen, sich zu bessern, sich ständig zu bessern und an gemeinschaftlichem Miteinander, Heiligkeit und Weisheit zuzunehmen“. Da sind wir natürlich „wie jeder menschliche Leib auch Krankheiten, Funktionsstörungen und Gebrechen ausgesetzt.“ Der Papst hat nun für die Kurie „einen Katalog nach dem Beispiel der Wüstenväter“ zusammengestellt, der „ uns helfen soll, uns auf das Sakrament der Versöhnung vorzubereiten“. Hier ist endgültig entlarvt, dass billige Medienberichte seiner Intention nicht gerecht werden: Er identifiziert Gefahren für sich und die anderen zur Umkehr. Explizit sagt er: „Diese Krankheiten und diese Versuchungen sind natürlich eine Gefahr für jeden Christen und für jede Kurie, Gemeinschaft, Kongregation, Pfarrei und kirchliche Bewegung, und sie können auf individueller wie auf gemeinschaftlicher Ebene auftreten.“
Aus den 15 Punkten habe ich fünf ausgewählt, die ich aus der langen Papstrede zitieren möchte (nach der offiziellen Übersetzung, hie und da deutlicher am italienischen Original angelehnt). Ich lade ein, sich bei diesen Punkten auf sich selbst zu besinnen und die eigenen kirchlichen Gruppen, in denen wir tätig sind. Nur so geschieht Erneuerung der Kirche!

Christkönig Festival - JESUS 4 U & ME© 2014 Peter Goda - www.petergoda.at1. Die Krankheit, sich „unsterblich“, „immun“ oder sogar „unentbehrlich“ zu fühlen. Wo keine Selbstkritik geübt wird, man sich nicht fortbildet, sich nicht versucht zu bessern, trägt bei zu einem kranken Leib. Ein gewöhnlicher Friedhofsbesuch könnte uns dazu verhelfen, die Namen vieler Menschen zu sehen, von denen einige vielleicht meinten, unsterblich, immun und unentbehrlich zu sein! Das Gegenmittel gegen diese Epidemie ist die Gnade, sich als Sünder zu fühlen und aus ganzem Herzen zu sagen: »Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan« (Lk 17,10).
2. Die Krankheit der Planungswut und des Funktionalismus: Sie ist gegeben, wenn der Jünger von heute alles minuziös genau plant und glaubt, dass mit einer perfekten Planung die Dinge wirklich vorankommen, er aber auf diese Weise ein Buchhalter wird oder ein Betriebswirt. Alles gut vorzubereiten ist notwendig, aber ohne in Versuchung zu geraten, die Freiheit des Heiligen Geistes einschließen und steuern zu wollen, die stets größer und großzügiger ist als alles menschliche Planen (vgl. Joh 3,8). Man ist dieser Krankheit ausgesetzt, denn es ist immer einfacher und bequemer, sich in den eigenen statischen und unbeweglichen Positionen auszustrecken. Tatsächlich erweist sich die Kirche in dem Maß treu gegenüber dem Heiligen Geist, in dem sie nicht den Anspruch erhebt, ihn zu regeln und zu zähmen – den Heiligen Geist zu zähmen! – Er ist Frische, Fantasie, Neuheit.
3. Es gibt auch die Krankheit des „geistlichen Alzheimer“: das Vergessen der eigenen „Heilsgeschichte“, der persönlichen Geschichte mit dem Herrn, der »ersten Liebe« (Offb 2,4). Es handelt sich um einen fortschreitenden Verfall der spirituellen Fähigkeiten. Das sehen wir bei denen, die die Erinnerung an ihre Begegnung mit dem Herrn verloren haben; bei denen, die sich mit Mauern umgeben und sich in Gewohnheiten verschließen und so immer mehr zu Sklaven der Götzenbilder werden, die sie mit eigener Hand geschaffen haben.
4. Die Krankheit des schlechten Geredes, des Murrens und des Tratsches. Von dieser Krankheit habe ich schon viele Male gesprochen, aber nie genug. Es ist eine schwere Krankheit, die ganz einfach beginnt – vielleicht nur, um ein kleines Schwätzchen zu halten – und sich dann des Menschen bemächtigt, ihn zum „Unfriedenstifter“ (wie Satan) macht und in vielen Fällen zum „kaltblütigen Urheber von Rufmord“ der eigenen Kollegen und Mitbrüder. Es ist die Krankheit der Feiglinge, die nicht den Mut besitzen, etwas unmittelbar anzusprechen und daher hinter dem Rücken reden. Der heilige Paulus ermahnt uns: »Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid.« (Phil 2,14-15) Brüder, hüten wir uns vor dem Terrorismus des leeren Geredes!
5. Die Krankheit der geschlossenen Zirkel, wo die Zugehörigkeit zum Grüppchen stärker wird als die zum Leib und – in einigen Fällen – zu Christus selbst. Auch diese Krankheit beginnt immer mit guten Absichten, aber im Laufe der Zeit versklavt sie die Mitglieder und wird zu einem Krebs, der die Harmonie des Leibes bedroht und viel Unheil verursacht – Skandale auslöst – besonders für die Geringsten unserer Brüder. Die Selbstzerstörung oder das Niedermachen der Gefährten ist die heimtückischste Gefahr. Es ist das Übel, das von innen her zerstört, und Jesus sagt dazu: »Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird untergehen.« (Lk 11,17).

Soweit einige Auszüge aus der Rede des Papstes an die Kurie. Ich denke, diese Punkte des Papstes beinhalten wichtige Vorsätze für das neue Jahr 2015. Hoffentlich nehmen sich die Kurienbischöfe und Prälaten, die Angestellten des Vatikans diese Mahnungen ernst und reinigen sich von innen her. Mindestens so wichtig ist aber, dass sich alle Glieder und Gruppen in der Kirche die Worte des Papstes zu eigen machen. Erneuerung beginnt immer bei einem selber!
In seinen Ausführungen am Ende sagte der unter anderem: „Es muss klargestellt werden, dass allein der Heilige Geist alle Krankheiten heilen kann: Er ist die Seele des mystischen Leibes Christi.“

P.S.: Ich empfehle die Lektüre der ganzen Rede, auf die ich hier nur Lust machen wollte. Es ist einfach schön und bereichernd – auch herausfordernd! – unseren Papst zu hören!
Siehe: www.vatican.va (Ansprache vom 22. Dezember 2014)
P. Bernhard Eckerstorfer OSB