Gewalt im Namen Gottes? Ökumenische Sommerakademie – ein Bericht

Von 9. bis 11. Juli 2014 fand im Stift Kremsmünster die 16. Ökumenische Sommerakademie zum Thema „Gewalt im Namen Gottes. Die Verantwortung der Religionen für Krieg und Frieden“ statt. Sie wurde besucht von rund 400 Personen und zahlreichen Medienvertreten, die z.T. lange Interviews in Fernsehen, Radio und Zeitungen brachten.

ÖSA 2014 - Foto 2„Skandal“ der Gewalt deutlich thematisiert
Der neue Rektor der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, sagte zu Beginn der Sommerakademie, dass das Thema einen „Skandal benennt, dem sich heute alle Religionen rigoros und ehrlich stellen müssen“. Sie müssen sich erinnern, um Vergebung und Versöhnung bitten und das Versprechen abgeben, alles zu tun, damit Feindseligkeit das Zusammenleben nicht vergifte. Die Theologie habe sich hier deutlich zu Wort zu melden. Gruber merkte allerdings an, dass „im Grunde erst in den letzten Jahrzehnten in der Theologie begonnen wurde, diese Verknüpfung von Religion und Gewalt aufzuarbeiten, nämlich die Verbindung von Gottesbekenntnis und Gewalt zu unterbrechen und sich von missbräuchlicher Berufung zu distanzieren. Wenn ein Mensch von durch und durch gewaltbereinigter Gotteserfahrung berührt wird, dann kann der Mensch zum Friedensstifter werden und die Religion zum Zeichen des Friedens.“
Der oberösterreichische Superintendent Dr. Gerold Lehner sagte in seinem Eröffnungsstatement, dass eine Gewalterfahrung – der Tod Jesu am Kreuz – am Anfang des Christentums stehe. Das Kreuz sei Mitte des Christentums und habe eine Schlüsselstellung des Glaubens. „Im Kreuz bildet sich eine Spannung ab zwischen Wahrheit und Liebe.“ Der Umgang mit diesem Kreuzestod erfordere von den Christen eine neue Umgangsform: „Jede Auflösung dieser Spannung, die die Liebe vergisst, ist ein Verrat an Jesus Christus“, so der Superintendent.

ÖSA 2014 - Foto 1Kirchen standen im Ersten Weltkrieg nicht auf Seiten des Friedens
Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz sprach deutlich die Rolle der christlichen Kirchen im Ersten Weltkrieg an: „100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges gibt uns das ein hartes Erbe auf. Die Kirchen in den Kriegsnationen haben damals eindeutig Partei ergriffen. Sie standen nicht auf Seiten des Friedens. Sie haben Gott für sich selbst vereinnahmt. Man tat innerhalb der eigenen Nation so, als ob das Heil nur mit den eigenen Truppen möglich gewesen wäre.“ Den deutlichen Friedensapell von Papst Benedikt XV. habe man in den Kriegsnationen nicht gehört. „Diese traurige Fehlentwicklung ist heute Anlass für Selbstbesinnung und der Anlass für das gemeinsame Auftreten für Frieden“, so der katholische Bischof der Diözese Linz.

„Wer ein Liederheft in der einen und eine Kerze in der anderen Hand hat, kann keinen Stein aufheben“
Der Bischof der Evangelischen Kirche A. B. in Österreich, Dr. Michael Bünker, erinnerte als Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich an das Sozialwort der christlichen Kirchen. Es sei darin eindeutig die Frage gestellt, ob es wirklich gerechtfertigt sei, Kriege unter dem Zeichen des Christlichen zu führen. Im Sozialwort sei auch der Appell enthalten, dass diese Diskussion im Sinne von Friedenssicherung geführt werden muss. Bünker erinnerte an die friedensstiftende Arbeit der Kirchen vor 25 Jahren im Osten Deutschlands. Durch die Montagsgebete sei eine friedliche Veränderung Europas ausgegangen. Der vor wenigen Tagen verstorbene Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche habe Folgendes gesagt: „Wir haben bei den Montagsgebeten zwei Dinge verteilt: ein Liederheft und eine Kerze. Wer ein Liederheft in der einen Hand hat und eine Kerze in der anderen, kann keinen Stein aufheben. Unsere Parole war: Keine Gewalt.“ Bünker dazu: „Das ist meiner Meinung nach die kürzeste Zusammenfassung der Bergpredigt!“

ÖSA 2014 - Foto 6 - ZucchoniHöchstmaß an Verknüpfung der Religionen notwendig für Friedenssicherung
Auch der oberösterreichische Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer stellte sich als Politiker der Frage nach der Gewalt im Namen Gottes. Das Gebot der Nächstenliebe sei in allen monotheistischen Religionen grundgelegt und verankert. „Der Vorwurf der Gewaltanwendung ist nicht den Religionen, sondern den Menschen zu machen, die das Gotteswort missbrauchen“, so Pühringer. Für die Gegenwart sei ein Höchstmaß an Verknüpfung der Religionen notwendig, um den Frieden zu sichern. Durch die Gründung und Arbeit des Religionsbeirates im Land Oberösterreich werde hierzu ein Beitrag geleistet. Ziel sei der respektvolle Umgang der verschiedenen Glaubensrichtungen miteinander und dies geschehe hier Schritt für Schritt.

Natur der Gewalt – Natur der Religionen
In den ersten Vorträgen der 16. Ökumenischen Sommerakademie widmeten sich der Philosoph Prof. Dr. Franz Josef Wetz der Frage nach der Natur der Gewalt und deren Verbindung zu den Religionen und der Theologe Univ.-Prof. Dr. Rolf Schieder der Frage nach dem Wesen und Inhalt der Religionen und stellte diese auch in einen Bezug zur Gewaltbereitschaft der Menschen.
ÖSA 2014 - Foto 4 - WetzWetz formulierte die Meinung der Religionskritiker, die der Religion vorwerfen, das Gewaltpotential bereits in sich zu tragen. „Mir ist diese Begründung zu einseitig“, sagte Wetz in seinem Vortrag: „Die monotheistischen Religionen stehen dem Thema Gewalt ambivalent gegenüber. Gewalt ist in ihnen nicht grundgelegt, sie geben Raum für Gewalt. Religionen haben beides: das Kriegerisch-Menschenverachtende und das Friedlich-Menschenfreundliche.“ Laut Wetz müssen Möglichkeiten und Räume geschaffen werden, um gewaltbereite Energien sozial verträglich ausleben zu können. Religionen werfe er vor, dass sie hier durch ihre Sinnenfeindlichkeit nichts beitragen.
Der Berliner Theologe Schieder stellte diesem Vorwurf entgegen, dass gerade die Religionen einen enorm großen Beitrag zur Identitätsstiftung jedes einzelnen Menschen leisten. Dies sei für einen guten Umgang mit der Gewaltbereitschaft, mit der Endlichkeit und Begrenztheit des Menschen notwendig.
Für religiöse Menschen sei Gott die höchste Macht, dadurch hätten sie gegenüber anderen Machthabern einen prinzipiellen Vorbehalt. „Wenn Macht mit Verantwortungsgefühl korrespondiert, ist sie etwas Positives“, so Schieder. Er benannte Religionsformen wie „totalitäre oder dualistisch-apokalyptische Religionsformen“, wo die Gewaltbereitschaft der Mitglieder hoch sei. „Wenn eine Religion zu elementarer Differenzierungsleistung imstande ist, dann ÖSA 2014 - Foto 5 - Schiederwird ein zivilisierter und friedenssichernder Weg eingeschlagen.“

Der Nahostkonflikt – ein Religionskonflikt?
Prof. Hans Kippenberg von der Jacobs University in Bremen arbeitete heraus, inwiefern sich beim Nahostkonflikt Religionen für die Ansprüche auf Palästina engagierten. So kam es auf israelischer Seite zu einer religiösen Begründung politischer Ansprüche erst im Zuge des Sechstagekrieges 1967, gefolgt von jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten (bis heute 400.000 Siedler). „In einem säkularen Konflikt heilsgeschichtliche Dimensionen hereinzubringen, ist gefährlich – das sehen wir in Israel“, gab Kippenberg zu bedenken. Er beleuchtete auch die andere Seite: Durch die im Zuge der Intifada ab 1987 gegründete Hamas erhält der Nahostkonflikt auch auf muslimischer Seite eine religiöse Note. Hamas bedeutet Eifer. „Plötzlich ist der Islam selbst Kriegspartei mit einer hoch aufgeladenen aggressiven Sprache.“ Erstmals wird auf islamischer Seite ein biblischer Anspruch auf Palästina erhoben. „Auf beiden Seiten werden politische Handlungen durch die religiöse Überlieferung gedeutet und damit sakrosankt“, meinte Prof. Kippenberg, der mit seinen Ausführungen illustrierte, was am Vortag Prof. Wetz betont hatte: Religionen werden zu Trägern politischer Auseinandersetzungen, zur Bühne und zum Austragungsort von Konflikten.

Religionen blenden Klage und Gewalt nicht aus
Prof. Gerlinde Baumann (Marburg) stellte heraus: „Die meisten Religionen sind keine Schönwetterreligionen, sondern sie setzen sich mit allen Schattierungen menschlichen Lebens auseinander; die Lebenswirklichkeit muss sich auch in den heiligen Schriften spiegeln.“ Die Frage ist dann, wie sie richtig interpretiert werden. Anhand des Alten Testaments zeigte die deutsche Bibelwissenschafterin, dass Gott von Leidenden angerufen wird, aber auch selbst Gewalttaten begeht. „Bibeltexte sind Texte, also Literatur und daher keinen Abbildung der Wirklichkeit. Sie sind nicht Protokolle, sondern enthalten fiktionale Elemente, um dadurch auch eine fruchtbare Distanz herzustellen. So schaffen sie es, dass über Zeiten hinweg sich Menschen mit ihren Bitten, ihrem Dank, ihrer Klage vereinigen können“, sagte Baumann. Von daher sei es unsinnig, schwierige Textpassagen, in denen Gewalt und Klage vorkämen, schlichtweg herauszunehmen. Vielmehr müsse man sich ihnen stellen. Denn: „Biblische Texte müssen auch die hässliche Seite des Lebens zur Sprache bringen.“
Dr. Mariella Ourghi von der Universität Freiburg sprach zum Thema „Legitimation von Gewalt im Islam“. Es gebe im Islam unterschiedliche Weisen, auf Gewalt zu blicken und divergierende Stellen im Koran und den „Aussprüchen des Propheten“ wie damit umgegangen wird. Die eine Position besagt, dass es erlaubt ist, sich zu verteidigen und die andere spricht sich sehr wohl aus für offensive Gewaltanwendung zur Missionierung.
Gotlind Hammerer von Pax Christi Österreich skizzierte die Friedensarbeit dieser katholischen Organisation. Konkrete Aktivitäten würden eindrucksvoll zeigen, wie Religionen für den Frieden eintreten können. Brigadier Dr. Walter Feichtinger (Wien) stellte Modelle der Konfliktlösung vor. Bei aller Bedeutung von Sicherheitskräften und Armee bekannte Feichtinger, das Militär brauche auch die NGOs zur Friedenssicherung.
Zum Abschluss der Sommerakademie im Stift Kremsmünster beleuchteten Erzbischof Lakner, Prof. Lazanzarki von der griechisch- orthodoxen Kirche und die methodistische Pastorin Esther Handschin das Verhältnis von Religion und Gewalt.

(Text: Gabriele Eder-Cakl und P. Bernhard Eckerstorfer)