Impuls zum Sonntag

P. Bernhard Eckerstorfer begleitet mit seinen Gedanken durch die Österlichen Tage vom Leiden und Sterben, von der Grabesruhe und der Auferstehung des Herrn (© ORF 2014)

osternGedanken zum „Weißen Sonntag“
Eigentlich bräuchte ich heute drei Radiobeiträge, denn für die Kirche kommt an diesem Sonntag viel zusammen: Erstens war vor einer Woche Ostern. Das heutige Evangelium erzählt vom Apostel Thomas, dem Zweifler, der verlangt, Jesus müsse ihm leibhaftig begegnen: „Sonst glaube ich nicht!“ (Joh 20,25) Wie tief muss er von Jesu Tod erschüttert gewesen sein. Doch eine Woche nach Ostern ruft er aus: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)
Zweitens feiern wir heute den Sonntag der Barmherzigkeit. Für Papst Franziskus ist die göttliche Barmherzigkeit der Ausgangspunkt seiner Verkündigung: Ganz gleich, wer wir sind und wie sehr wir in die Irre gehen, wir können immer wieder umkehren – Gott nimmt uns auf. So lautet auch der Wahlspruch unseres derzeitigen Papstes „Miserando atque eligendo“- „Erwählt aus Erbarmen“.
Den Barmherzigkeitssonntag hat Johannes Paul II. eingeführt. So ist es passend, dass er an diesem Tag zusammen mit Johannes XXIII. heilig gesprochen wird. Diese Feier ist der dritte Punkt, der den heutigen Sonntag so besonders für die Kirche macht. Sie stellt uns immer wieder bekannte Persönlichkeiten des Glaubens vor, damit unser Glaube gestärkt werde. Heilige hielten trotz allem Unglauben an der Auferstehung fest und haben in ihrem oft auch armseligen Leben auf die göttliche Barmherzigkeit gebaut. Deshalb finde ich so wichtig, was der Konzilspapst Johannes einmal niedergeschrieben hat: „Der Mensch ist nie größer als dort, wo er kniet.“

Laufen Müssen | Gedanken zum Ostermontag
Am Ostermontag vor 43 Jahren wurde ich geboren. Für mich ist dieser Tag wohl deshalb so wertvoll. Mit dem Ostermontag verbinden viele das Emmausevangelium. Auch dieses spricht von einem Anfang – von der Geburt des neuen Glaubens nach Jesu Tod.
Ich sehe sie vor mir, die beiden Jünger, wie sie mit hängendem Kopf von Jerusalem wieder in ihr Dorf Emmaus zurückgehen. Ein Fremder gesellt sich zu ihnen, und sie erzählen ihm von ihrem Schmerz: Jesus, schon seit drei Tagen tot – „wir aber hatten gehofft…!“ Der Fremde hört ihnen erst einmal zu, dann versucht er ihnen darzulegen, dass es so kommen musste. Doch die Erklärung alleine führt sie noch nicht zum Glauben an die Auferstehung.
Erst als der Fremde in Emmaus weitergehen will, merken sie, dass er zu ihnen gehört: „Bleib doch bei uns!“ Er geht mit ins Haus und nimmt beim Abendmahl das Brot, sagt den Dank, bricht das Brot und gibt es ihnen. Da gehen ihnen die Augen auf. Plötzlich sehen sie ihn nicht mehr. Doch sie haben erfahren, dass er da ist – im Brot, auf ihrem Weg. Und sie erkennen im Rückblick: „Wie sehr hat uns doch das Herz gebrannt, als er mit uns redete.“
So laufen sie in der Dunkelheit nach Jerusalem zurück, um es den anderen zu erzählen. Dort hören sie, dass Jesus auch schon weiteren Jüngern erschienen ist. Die Kirche Jesu Christi ist geboren – und damit der Glaube an eine ewige Existenz, die Gott zu schenken vermag, so wie das irdische Leben.

Leeres Grab | Gedanken zum Ostersonntag
Ganz aus dem Häuschen waren sie, die Jünger Jesu, zu Ostern vor 2000 Jahren: Maria Magdalena kommt zum Grab, sieht, dass der Stein weggewälzt war – und läuft davon. Als Petrus und Johannes das erfahren, rennen sie aufgeregt hin zum Grab. Ein bisschen unkoordiniert, die verlassene Jüngerschar von damals.
Scheinbar geordneter und ruhiger geht es zu, wenn in der Osternacht und heute Vormittag erstaunlich viele Menschen in unsere Kirchen strömen. „Der gekreuzigte Jesus ist nicht tot geblieben, sondern auferstanden – er lebt!“ Diese Botschaft ist so ungeheuerlich, dass eigentlich auch wir nicht ganz so sicher sein sollten, was das bedeutet.
Und da helfen die Glaubenszeugen des Anfangs. Tröstlich, wie Petrus gar nichts mehr versteht, Thomas Beweise haben will, die anderen sich noch tagelang einschließen vor Angst. Mich berührt, wie Maria Magdalena den vermeintlichen Gärtner bittet, doch den Leichnam Jesu wieder herauszurücken. Der spricht sie mit vertrauter Stimme an: „Maria!“ Sie fällt vor ihm nieder: „Rabbuni!“ – und begreift langsam das unsichtbare Geheimnis. Und Johannes, den der Herr besonders lieb hatte, sieht das leere Grab und vertraut einfach auf Gott. „Er sah und glaubte.“ (Joh 20,8)

Leben Wecken | Gedanken zum Karsamstag
Den Karsamstag empfinde ich von Jahr zu Jahr tiefer. Es ist ein ruhiger Tag. Keine Messe, die Orgel ertönt nicht, die Glocken schweigen. Nach dem schrecklichen Tod Jesu ist es still geworden. Evangelische Schwestern und Brüder nennen die Karwoche zuweilen „die stille Woche“. Das trifft besonders den heutigen Tag.
Ob Gott stumm bleibt? Manchmal bekommen wir den Eindruck, dass er schweigt. Menschen in tiefem Leid fragen sich: „Wo bist du, Gott?“ Es ist der Aufschrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Beim Sarg einer 40-Jährigen verstumme ich, wenn mich ihr hinterbliebener Mann und die drei kleinen Kinder fragend ansehen. Jede einfache, allzu fromme Antwort würde mir im Hals stecken bleiben.
Manchmal muss man Situationen und Anfragen einfach einmal aushalten. Das ist die Stimmung am Karsamstag: Der schreckliche Karfreitag liegt hinter uns, der Osterjubel ist noch nicht Wirklichkeit geworden. Jetzt ist die Zeit des Wartens. Ich will mich nicht vordergründig ablenken, denn ich spüre: der Karsamstag sagt viel über meine Existenz. Sie ist freilich auf wunderbare Weise umstrahlt von einem Licht, das schon durchschimmert aus einer anderen Welt. Es ist wie mit dem Frühling: Vieles keimt und blüht auf und sagt mir, dass das Leben neu erwachen wird.

Lange Wege | Gedanken zum Karfreitag
Ich darf Sie heuer kurz vor 8 in Radio Oberösterreich durch die Heiligen Tage begleiten. Mit jedem Jahr merke ich mehr, was wir da eigentlich begehen. Es ist ja nicht so, dass ich durch das Theologiestudium und dann durch den Klostereintritt und die Priesterweihe sogleich alles verstanden hätte. Wir wachsen erst langsam hinein in die Mysterien unseres Glaubens – und nie können wir sagen, wir hätten ganz begriffen, was uns ausmacht und wer Gott ist.
Wurde am Palmsonntag heuer die Passionsgeschichte nach Matthäus gelesen, so ist es am Karfreitag immer die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu nach Johannes, die in verteilten Rollen vorgetragen wird. Da höre ich – wie die anderen Gläubigen auch – mit großer Aufmerksamkeit und innerer Anteilnahme die Leidensgeschichte.
Eine der Stellen, die mich am meisten berührt, ist die Verleugnung durch Petrus. Er war von Jesus als Fischer berufen worden, hatte ihn wohl drei Jahre begleitet – und jetzt verleugnet er ihn drei Mal, bevor der Hahn kräht. So mancher Hörer bekommt Tränen bei der Schilderung dieser Begebenheit, noch dazu wo Markus, Lukas und Matthäus nach der Verleugnung hinzufügen: „Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“
Dieses armselige Verhalten des größten Jüngers Jesu ist vielsagend: Sogar ihn verließ in dieser entscheidenden Stunde der Mut. Das ist tröstlich für mich: Auch wir dürfen lange Wege brauchen, wirklich zu verstehen, um was es geht – an diesem Karfreitag.

Liebe Essen | Gedanken zum Gründonnerstag
Als ich vor 14 Jahren ins Kloster eingetreten bin, erzählte mir der mittlerweile verstorbene Pater Gregor immer wieder von seinem Vater. Der wurde von der NS-Wehrmacht in seinem vorgerückten Alter eingezogen, weil er sich abfällig über Hitler geäußert hatte. Über 400 Briefe schrieb er von der russischen Front an seine Frau und die vier Kinder. Am 3.7.1944 kam der letzte Brief von Ferdinand Humer aus Weißrussland in Vorchdorf an; die Familie sollte den Ehemann und Vater nie wiedersehen.
Ich erzähle Ihnen von diesem Lebensschicksal, weil sich in den Briefen Ferdinand Humers Sätze finden, die den heutigen Gründonnerstag erschließen: „Ich lasse mir die Mehlspeise gut schmecken, die du mir geschickt hast. Sie ist von dir. Ich merke, sie enthält die ganze Liebe meiner Liebsten.“ Ein anderes Mal schreibt er von der Front: „Was von dir kommt, ist für mich mit nichts zu vergleichen. Es ist nicht nur die Speise, sondern deine ganze Liebe in der Speise.“
Das Sprichwort „Liebe geht durch den Magen“ erhält eine tiefe Bedeutung, wenn der oberösterreichische Soldat an seine Frau schreibt: „Ich weiß, mit welcher Liebe du alles gemacht hast. Täglich habe ich etwas von meiner Liebsten.“ Nach einer Paketsperre meldet er sich überglücklich mit den Worten: „Deine Liebe kann ich endlich wieder nicht nur lesen, sondern auch essen. Ja, ich habe deine Liebe gegessen.“ – Dies lässt mich Jesu Worte neu verstehen: „Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“