Anderer Blickwinkel …der verändert

Predigt zum Evangelium vom 7. Sonntag im Jahreskreis A, 23. Feb. 2014, Mt 5,38-48Vor ein paar Wochen habe ich mir mit meinen 16-jährigen Schülern eine Dokumentation aus dem Jahr 2012 angesehen. Oma und Bella; der Film handelt über Bella Katz und Regina Karolinski, geboren 1923 und 1927 im Osten, und zeigt ihr Leben in einer gemeinsamen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Die Regisseurin begleitet die Beiden im Alltag, der geprägt ist von der Erinnerung. Und bei der Angabe des Geburtsjahrganges sowie des Familiennamens ist es unschwer zu erraten, woran die beiden liebenswürdigen alten Damen sich erinnern müssen: an den 2. Weltkrieg, den sie auf der falschen Seite erlebt haben, als Jüdinnen in Ghettos und KZ’s. Die beiden lebenslustigen Seniorinnen bewältigen ihr Schicksal unter anderem dadurch, dass sie Unmengen von jiddischem Essen kochen und oft fast nebenbei aus ihrem Leben erzählen. Sehr beschäftigt hat meine SchülerInnen und mich eine Passage, wo es um Rache und Vergeltung geht. Sie erzählen, dass die Besatzer nach Ende des Krieges zwei Tage frei gegeben haben und man mit gleicher Münze bezahlt hat, an jene, die einen misshandelt haben. Und dieser Abschnitt erschreckt – haben diese beiden liebenswürdigen Damen jemanden umgebracht? Das verneinen sie, aber ihre Geschichte macht schon auch begreiflich, warum es Rache gibt. „Wir waren noch ganz durcheinander, noch nicht normal, nach all dem, was wir im KZ erlebt hatten“ sagt Regina. „Man hat, wenn man einen Nazi gefunden hat, ihm gegeben für den Vater, die Mutter, die Schwester, …“ ergänzt Bella.
Das ist jetzt eine gewagte Aussage von mir, aber durch Regina und Bella verstehe ich auch, dass Rache und Vergeltung etwas durchaus Menschliches sind …und ich tu mir sehr schwer zu sagen, dass es falsch ist, was sie da sagen. Gegen Ende des Filmes weint Bella, wenn sie erzählt, dass sie immer noch nachts aufwacht, weil sie im Traum sieht, wie ihre ganze Familie im KZ umgebracht wurde.
andererblickwinkelKann man diesen beiden Damen jetzt mit der heutigen Evangelienstelle aus der Bergpredigt kommen? Ja! Aber dann würde sie ja ganz falsch liegen. Da ist doch davon die Rede, die andere Wange hinzuhalten, die Feinde zu lieben usw. Ja, aber es geht Jesus – und das ist in der Auslegung und im katholischen Moralkodex oft übersehen worden – nicht darum, erlittenes Unrecht zu dulden. Seine Forderungen sind nicht „Gosche halten, Hände falten, nur ja nicht aufbegehren!“ Das, was Jesus fordert ist eine ganz neue Verhaltensweise. Und für uns ist es wichtig, zu sehen, dass Jesus von Bella und Regina nicht fordern würde „vergesst alles, fügt euch in euer Schicksal“ sondern: „handelt“ …und das haben diese beiden Hauptdarstellerinnen in dem Film auch getan. Sie haben ihr Leben in die Hand genommen und können jetzt absolut ohne Rachegelüste und nicht verbittert ihren Lebensabend genießen. Aber von solchen Menschen einzufordern, dass sie friedlich sein sollen und womöglich auch noch dankbar für das erlittene Unrecht, das wäre Perversion. So etwas lässt sich nur hinter dem Schreibtisch, eingehüllt in theoretische theologische Literatur sagen. Das wird dem Schicksal von Menschen, die schlimmstes Unrecht erleiden, nicht gerecht und es wird auch der Absicht und Botschaft Jesu nicht gerecht.
„Auge für Auge, Zahn für Zahn…“ Dieser Grundsatz – Talionsprinzip genannt – ist in der Entwicklung der Menschheit ein großer Schritt nach vorn gewesen zur Eindämmung der Rache. Das ist einmal wichtig. Aber schauen wir uns die vier konkreten Aussagen an. Warum ist das, was so unterwürfig und brav und klassisch klingt, eigentlich Provokation?[1]

  1. Jemand wird geschlagen, und zwar besonders beleidigend und entehrend mit dem Handrücken auf die rechte Backe, so schlägt man einen Sklaven. Nun heißt es nicht: „Ertrag den Schlag, halt die Backe hin.“ Jesus will mehr als den Verzicht auf Vergeltung: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ Er rät zu einer Initiative, die eine neue Situation schafft. Wenn ich nun meine linke Wange hinhalte, dann zwinge ich mein Gegenüber, mich mit der Vorhand zu schlagen und sage ihm dadurch „Moment, ich bin dir ebenbürtig, du schlägst mich nicht, wie einen Sklaven, sondern wie einen Freien, wenn du mich nochmal schlägst!“ Das ist Provokation und eigentlich „sich-zur-Wehr-setzen“.
  2. Der zweite Fall: Jemand ist verschuldet. Es wird ihm der Prozess gemacht. Der raffgierige Gläubiger will das Hemd pfänden. In dieser Situation lautet die Forderung nicht etwa nur: „Lass ihm das Hemd“, sondern: „Lass ihm auch den Mantel.“ Das sprengt jeden Rahmen. Nach dem Gesetz im Buch Exodus (22,25f.) kann der Mantel gar nicht gepfändet werden, weil der Arme ihn nachts als Decke braucht. Er gehört zum Existenzminimum, das niemandem genommen werden darf. Nun sagt Jesus: „Gib den Mantel dazu, wenn dir jemand das Hemd nimmt!“ Und damit wird der Andere wieder herausgefordert, zu einem Verhalten, von dem das alttestamentliche Gesetzt sagt, dass es von Gott gestraft wird.
  3. Der dritte Fall, aus der Besatzungssituation: Die römischen Kohorten oder die Soldaten des Herodes zwangen bei ihren Märschen über Land Leute von den Straßen, für sie Lasten zu schleppen, so wie sie Simon von Zyrene gezwungen haben (vgl. Mk 15,21 par), Jesus das Kreuz zu tragen. Nun heißt es hier nicht: „Geh die eine Meile mit!“ Jesus sagt vielmehr: „Wenn der Erpresser dich zu einer Meile zwingen will, dann geh zwei Meilen weit mit ihm, den doppelten Weg, zeig ihm, wer hier bestimmt!“
  4. Und schließlich ist die Rede von Alltäglichkeiten: Wer um irgendeine Sache oder um Geld angegangen wird, soll sich der Bitte nicht verschließen. Aber eben auch nicht „von oben herab“ einfach um des lieben Frieden willens geben, sondern offen sein für die Anderen und vor allem auch das geben, was der Andere braucht. Bei uns im Stift kommen öfter organisierte Bettler aus dem Osten. Ein Mitbruder gab ihnen einmal einen größeren Betrag, als ich ihn fragte, sagte er „wie soll ich sie denn sonst weiter bringen?“

Vier Aussagen Jesu, die auf den ersten Blick eher so aussehen, als ob von uns Christen gefordert ist, möglichst unauffällig und brav zu leben, ja nicht aufzumucken, immer schön das tun, was von uns erwartet wird. Wenn wir genauer hinsehen, dann erkennen wir, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Als Christen müssen wir ANDERS handeln, als man erwarten würde, aber eben anders handeln, damit etwas ANDERS wird und nicht damit ein Unrecht oder eine Schuld bestehen bleibt. Und schließlich müssen wir lieben, sagt Jesus, aber Liebe hat viele Facetten und ist vor allem die stärkste Macht der Welt. „Besiege das Böse durch das Gute“ heißt es im Römerbrief (12,21). Solche Liebe nimmt das Böse an das Herz und zerdrückt es, Diese Liebe, die Jesus fordert, lässt sich Neues einfallen, Alternativen zum Normalverhalten. Sie ermutigt zu neuen Initiativen, die eine neue Situation schaffen. Sodass wir trotz manchem Schweren auf unserem Weg und auch trotz manchen Unrechts, das auch uns widerfährt, zufrieden auf unser Leben blicken können. Schließen möchte ich wieder mit Regina und Bella, die im Film mit dem Blick auf ihr Leben nicht nur das Negative sehen, sondern auch sagen: „Das kann man gar nicht glauben, dass es auch einmal so schön war!“ Mit Vertrauen und Liebe …mit Gott, wird das Leben schön!
P. Franz Ackerl


[1] Vgl. Dr. Franz Kamphaus, Das Ende der Vergeltung; Anmerkungen zur 5. Antithese der Bergpredigt (Mt 5,38-42) Abschiedsvorlesung gehalten am 14. Mai 1982, veröffentlicht in: Natur, Religion, Sprache, Universität. Universitätsvorträge 1982/83, Münster/Westfalen 1983, 38-46.