Gedanken von P. Bernhard

Was haben der Prophet Habakuk, Jesus und Mutter Teresa gemeinsam?

Gedanken von P. Bernhard zu den Schriftstellen des 27. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr C, 06. Oktober 2013.

In der Lesung aus dem Buch Habakuk – da spricht einer in Not, der seine Situation nicht versteht, und sich, ja den Herrn fragt, wo denn Gott bleibt: Wie lange Herr, soll ich noch rufen, und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht. Warum lässt du mich die Macht des Bösen erleben und siehst der Unterdrückung zu?
Und jetzt folgt die Antwort Gottes, die aber keine sofortige Hilfe nach weltlichem Verständnis bringt: Der Herr gab seine Antwort und sagte: Schreib nieder, was du siehst, schreib es deutlich auf die Tafeln, damit man es mühelos lesen kann.
Interessant: Gott fordert Habakuk auf, zu sagen, was ihn bedrückt, es aufzuschreiben, damit alle es sehen können. Ein Psychologe könnte es heute nicht anders sagen: „Sprich und schreib es dir von der Seele.“ Aber das ist eben noch nicht alles. Da ist ja jemand, der hört und unser Leben in seinen Händen hält:
Wenn sich die Erfüllung verzögert, so warte auf sie; denn sie kommt bald. Sieh her: Der Gerechte bleibt wegen seiner Treue am Leben!
Gott fordert von Habakuk Glauben und Vertrauen ein – mit der Verheißung: Es wird gut!
Zu diesem Abschnitt aus dem AT passt das heutige Evangelium:
Die Jünger bitten Jesus: Stärke unseren Glauben!
Der Herr antwortet in einer Weise, wie es die Jünger sicher nicht erwartet hatten. Die Antwort erschließt sich auch uns nicht sogleich:
Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.
Diese Worte Jesus sollen die Jünger aufrütteln: Denkt nicht, dass Euer Glaube entscheidend ist. Nein, entscheidend ist, wen ihr als Herrn anerkennt und ob ihr Gott wie Sklaven zu dienen bereit seid! Oder anders gesagt: Baut nicht auf eure eigene Gerechtigkeit.
Jesu frohe Botschaft, seine Erlösung besteht immer wieder in der Bewegung weg vom Ich, hin zum Du. Weg vom selbstgefälligen und selbstgerechten Ego, hin zur liebenden Hand Gottes, die wie eine gute Mutter alles gibt.
Im Tagesgebet finde ich beide biblischen Texte aufgenommen (da liest man oft so drüber weg und überliest die Tiefe solcher Worte):
Allmächtiger Gott, du gibst uns in deiner Güte mehr, als wir verdienen, und Größeres, als wir erbitten. Nimm weg, was unser Gewissen belastet, und schenke uns jenen Frieden, den nur deine Barmherzigkeit geben kann.
Mutter Teresa von Kalkutta illustriert für mich, was die erwähnten biblischen und liturgischen Texte sagen:
Oslo, 10. Dez. 1979: Hochrangige Vertreter verschiedener Staaten und Institutionen haben sich im Festsaal des Rathauses zur Verleihung des Friedennobelpreises versammelt. In der Laudatio werden die Initiativen von Mutter Teresa aufgezählt. Sie wird gelobt und auf das Podest gestellt. Aber alles ist anders als bei normalen Nobelpreisverleihungen. Mutter Teresa, ärmlich gekleidet in ihrem indischen Sari, ganz klein; sie blickt nach unten, als wäre es nicht sie, die geehrt wird. Nach der Preisverleihung soll die übliche gefällige Dankesrede folgen. Doch Mutter Teresa fällt wieder aus der Reihe. Sie geht zum Mikrofon. In der Hand hält sie ihren Rosenkranz – und lädt zunächst alle Anwesenden zum Gebet ein: „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus.“ Einige finden das anfangs peinlich, wissen nicht recht, wie sie blicken und ob sie mitbeten sollen. Will Mutter Teresa provozieren? Nein, sie lässt sich auch durch diesen besonderen Rahmen nicht irritieren, bleibt authentisch, setzt auf ihren Glauben und das Vertrauen in Gott. Das merken die geladenen Gäste bei der Verleihung des Friedensnobelpreises. Der Applaus nach ihren Worten sagt alles.
Mutter Teresa – gefeiert, interviewt, unzählige Male als Vorbild hingestellt.
Scheinbar eine Frau, die selbst keine Probleme hat, weltberühmt ist und unbeschwert durchs Leben geht.
Doch was keiner der Gäste bei der Verleihung des Friedensnobelpreises wusste, was keine ihrer Mitschwestern ahnte, wurde offenbar im Zuge der Prozesses der Seligsprechung nach ihrem Tod. Ganz bewusst veröffentlichte der Vatikan ihre geheime Korrespondenz, um eine Heilige unserer Zeit in ihrer ganzen Breite und Tiefe zu sehen.
Das Time Magazine brachte auf der Titelseite: „The Secret life of Mother Teresa“
„Die Presse“: „‘Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer gefegt.‘ Mutter Teresa – Erschütternde Briefe enthüllen: Die ‚Heilige von Kalkutta‘ durchlitt eine 50 Jahre lange Glaubenskrise.“
Mutter Teresa hört sich wie Habakuk in der heutigen Lesung an. Aber sie vertraut auf Gott, bleibt ihm treu, auch wenn sie wenig „spürt“. Sie ist ein Schlüssel des merkwürdigen Satzes Jesus aus dem heutigen Evangelium: Ihr sollt sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. Mutter Teresa zeigt uns, dass Jesus eine Freiheit uns verheißt, die nicht von dieser Welt ist und die von uns deshalb auch viel abverlangt. Das bezeugen diese Zeilen an ihren Beichtvater:
„Ich will schreiben, aber ich habe nichts zu sagen, außer dass ich mich über Gottes große Demut und meine Kleinheit wundere, mein Nichts. Ich glaube, darin begegnen sich Jesus und ich. Er ist alles für mich und ich, Seine liebe Kleine, so hilflos – so leer – so klein. Ich bin so klein, dass all die Ehrungen und Lobesbriefe, die die Leute über mich schütten, in mich nicht eindringen können.“
Ein Priester, dem sie sich anvertraut hatte, sagte, die Dunkelheit und Glaubenskrise hätten sie bei all den äußeren Erfolgen davor bewahrt, sich über Gott zu setzen und dadurch ihr Werk durch Hochmut zu zerstören. Erlebten wir in der vergangenen Woche nicht umgekehrt im endgültigen politischen Niedergang des Silvio Berlusconi, wie jemand, der nur auf sich uns seinen Erfolg aus ist und die Menschen dafür einspannt letztlich alles ruiniert? Ein solcher Mensch ist keine Illustration des Satzes von Jesus: „Wir sind nur unnütze Knechte …“
Mutter Teresa dagegen schreibt aus ihren Anfechtungen und Kämpfen heraus: „Meine Liebe für Jesus wird immer einfacher und, wie ich meine, immer persönlicher. Wie unsere Armen versuche ich meine Armut anzunehmen. Ich bin klein, hilflos und unfähig zu großer Liebe. Doch ich möchte Jesus mit der Liebe Marias lieben, und seinen Vater mit der Liebe Jesu. Ich weiß, Sie beten für mich. Ich will, dass Gott sich bei mir wohlfühlt, dass Er meine Gefühle nicht beachtet, solange Er sich gut fühlt, dass Er noch nicht einmal die Dunkelheit beachtet, die Ihn in mir umgibt, sondern dass Jesus trotz allem alles für mich ist und dass ich keinen anderen als nur Jesus liebe.“